Ich will nicht toleriert werden

Warum Humanismus mehr verlangt als Duldung — nämlich gleiche Freiheit, gleiche Würde und gleiche Rechte.

Jede offene Gesellschaft kennt diesen Augenblick: Eine Mehrheit hält sich für großzügig, weil sie eine Minderheit duldet. Eine Religion hält sich für friedlich, weil sie den Widerspruch anderer gerade noch erträgt. Ein Staat hält sich für liberal, weil er Abweichung nicht verfolgt, sondern lediglich verwaltet. Eine Kultur hält sich für aufgeklärt, weil sie Menschen, die nicht in ihr vertrautes Bild passen, mit einem milden Lächeln an den Rand stellt und ihnen dort einen Platz zuweist.

Das nennt man dann Toleranz. Und gerade darin liegt das Problem.

Denn Toleranz klingt nach Freiheit, ist aber oft nur die höfliche Sprache der Duldung. Sie setzt voraus, dass jemand die Macht hat, andere gelten zu lassen. Sie setzt voraus, dass es eine Norm gibt und daneben eine Abweichung, eine Mitte und einen Rand, eine Mehrheit und jene, die von dieser Mehrheit nicht ganz ausgeschlossen werden. Toleranz ist dann kein Verhältnis unter Gleichen, sondern eine Beziehung zwischen denen, die erlauben, und denen, denen erlaubt wird.

Mir kommt deshalb das kalte Grausen, wenn ich den Satz höre: Sei doch tolerant.

Nicht, weil ich gegen Freiheit wäre. Nicht, weil ich anderen Menschen ihre Religion, ihre Nichtreligion, ihre Lebensweise, ihre Eigenheiten oder ihre Überzeugungen absprechen wollte. Im Gegenteil. Gerade weil ich Freiheit ernst nehme, misstraue ich diesem Satz. Denn er wird oft nicht dort verwendet, wo Menschenrechte verteidigt werden, sondern dort, wo Kritik entschärft werden soll. Er fällt nicht selten genau dann, wenn Macht, Dogma, religiöse Privilegien, kulturelle Anmaßungen oder gesellschaftliche Ungleichheit in Frage gestellt werden.

Dann bedeutet Sei doch tolerant nicht: Achte die gleiche Freiheit des anderen. Es bedeutet: Werde leiser. Störe nicht. Lass die alten Ansprüche in Ruhe. Kritisiere nicht so scharf, was andere für heilig, identitätsstiftend oder kulturell unantastbar erklärt haben.

So wird Toleranz zur Disziplinierung. Sie macht aus Widerspruch eine Unhöflichkeit und aus Kritik einen Mangel an Charakter. Sie tut so, als sei derjenige das Problem, der eine Zumutung benennt, nicht derjenige, der sie verteidigt. Sie verlangt Friedlichkeit von denen, die sich gegen Herabsetzung wehren, und Schonung für jene, die ihre Überzeugungen in Macht verwandeln wollen.

Darum reicht es nicht, die Grenzen der Toleranz zu suchen. Die Frage ist falsch gestellt. Eine säkulare, demokratische und humanistische Gesellschaft darf nicht fragen, wie viel Abweichung eine Mehrheit noch erträgt. Sie muss fragen, warum sich überhaupt jemand für die Instanz hält, andere Menschen bloß zu ertragen.

Ich will nicht toleriert werden.

Ich will nicht geduldet werden. Ich will nicht ertragen werden. Ich will nicht von einer Mehrheit, einer Kirche, einem Staat, einer Kultur oder irgendeinem moralischen Aufsichtspersonal großzügig zugelassen werden. Ich brauche keine Erlaubnis, keinen Platz am Rand, kein freundliches Nicken von oben. Ich will gleiche Freiheit. Ich will gleiche Würde. Ich will gleiche Rechte. Nicht mehr. Aber auch keinen Millimeter weniger.

Der Begriff, der dafür besser passt, ist Isovalenz: gleiche menschliche Geltung. Nicht Gleichwertigkeit aller Meinungen, Religionen, Ideologien oder Behauptungen, sondern Gleichrangigkeit aller Menschen. Genau deshalb schützt Isovalenz Gläubige und Konfessionsfreie gleichermaßen — und genau deshalb schützt sie keine Religion vor Kritik.

  • Menschen haben Würde. Religionen nicht.
  • Menschen haben Rechte. Dogmen nicht.
  • Menschen sind zu schützen. Behauptungen sind zu prüfen.

Das ist der Ausgangspunkt.

Der höfliche Name der Duldung

Das Verführerische am Wort Toleranz ist seine zivilisierte Oberfläche. Es klingt nach Großmut, nach Liberalität, nach der Bereitschaft, andere leben zu lassen. In einer Welt, die Verfolgung, Glaubenskriege, ideologische Säuberungen, religiöse Unterdrückung und politische Gewalt kennt, ist das zunächst kein kleiner Fortschritt. Wer nicht verfolgt wird, lebt besser als der Verfolgte. Wer geduldet wird, ist sicherer als der Gejagte.

Aber genau deshalb muss man präzise bleiben. Duldung ist nicht Gleichheit. Nichtverfolgung ist noch keine Anerkennung. Das Ausbleiben von Gewalt ist noch keine Freiheit auf Augenhöhe.

Wer toleriert, sagt nicht notwendig: Du bist mir gleichgestellt. Er sagt zunächst nur: Ich halte dich aus. Und dieses Aushalten bleibt eine Geste von oben nach unten, solange die Macht bei dem liegt, der duldet. Der Geduldete lebt nicht aus eigenem Recht, sondern unter einem Vorbehalt. Er darf bleiben, solange die Grenze nicht überschritten wird. Wo diese Grenze liegt, entscheidet aber nicht er selbst, sondern jene Instanz, die sich zur Toleranz fähig glaubt.

Rainer Forst hat diese Struktur präzise beschrieben: Toleranz enthält immer eine Komponente der Ablehnung, eine Komponente der Annahme und eine Grenze. Etwas wird missbilligt, aber aus bestimmten Gründen nicht unterdrückt. Genau deshalb ist Toleranz noch keine Gleichrangigkeit. Sie ist ein Umgang mit dem, was man eigentlich ablehnt. [2]

Besonders deutlich wird das in Forsts permission conception. Dort erlaubt eine Mehrheit oder Autorität einer Minderheit, nach eigenen Überzeugungen zu leben, solange diese Minderheit die dominante Stellung der Mehrheit nicht in Frage stellt. Die Minderheit wird nicht vernichtet, aber sie wird auch nicht wirklich als gleich anerkannt. Sie wird verwaltet, begrenzt, beobachtet und bei Bedarf zurückgerufen. [2]

Das ist der innere Skandal der Toleranzsprache. Sie kann friedlich klingen und trotzdem eine Hierarchie stabilisieren. Sie kann liberal wirken und trotzdem den Thron stehen lassen. Sie kann die Faust öffnen, ohne die Herrschaft aufzugeben.

Deshalb ist Toleranz als Endziel einer freien Gesellschaft zu schwach. Sie mag historisch ein Fortschritt gegenüber Verfolgung sein. Aber für Menschenwürde, gleiche Freiheit und gleiche Rechte reicht sie nicht.

Freiheit unter Bewährung

Die klassische Gestalt der Toleranz ist keine Beziehung unter Gleichen. Sie ist eine Beziehung zwischen Macht und Abweichung. Toleriert wurden nicht die Mächtigen, sondern jene, die von der Macht als Problem, Gefahr, Irrtum oder Störung betrachtet wurden. Toleriert wurden Ketzer, Juden, Dissidenten, Ungläubige, Homosexuelle, Konfessionsfreie und alle, die nicht in das Bild der jeweiligen Normgesellschaft passten.

Das ist der historische Schatten des Begriffs. Toleranz war oft nicht die Anerkennung gleicher Rechte, sondern kontrollierte Nichtverfolgung. Man durfte leben, aber nicht stören. Man durfte glauben, aber nicht öffentlich gleichrangig sein. Man durfte nicht glauben, aber bitte leise. Man durfte anders sein, aber bitte dankbar. Man durfte existieren, aber nicht auf Augenhöhe.

Eine solche Ordnung kann weniger brutal sein als offene Unterdrückung. Aber sie bleibt eine Ordnung der Bewährung. Der Geduldete lebt nicht aus eigenem Recht, sondern unter der Frage, wie lange die Geduld der anderen reicht. Was gewährt wird, kann entzogen werden. Was erlaubt wird, kann verboten werden. Was als großzügige Öffnung erscheint, kann morgen wieder geschlossen werden.

Darum ist Toleranz keine ausreichende Kategorie für eine freie Gesellschaft. Sie ist ein möglicher Übergang aus der Verfolgung. Aber sie darf nicht das Ziel sein. Wer Menschen nur toleriert, hat Gleichheit noch nicht verstanden.

Locke reicht nicht mehr

John Locke war ein Fortschritt. Seine Verteidigung religiöser Toleranz und seine Unterscheidung zwischen staatlicher Gewalt und Gewissen waren historisch bedeutend. Locke argumentierte, dass Glauben nicht mit äußerem Zwang erzeugt werden könne und dass staatliche Macht nicht über das Innere des Gewissens verfüge. [3]

Aber gerade Locke zeigt auch die Grenze des Toleranzdenkens. Seine Toleranz war nicht universell. Atheisten wollte Locke ausdrücklich nicht tolerieren, weil er meinte, ohne Gottesglauben hätten Versprechen, Verträge und Eide keinen Halt. [3]

Das ist der Punkt. Selbst ein großer Denker religiöser Toleranz blieb noch im Modus der Erlaubnis. Die Macht fragt, wen sie dulden kann. Sie fragt, welche Abweichung ungefährlich ist. Sie fragt, wer moralisch zuverlässig genug erscheint, um am Gemeinwesen teilnehmen zu dürfen.

Menschenrechte fragen nicht so. Menschenrechte fragen nicht, ob jemand einer Mehrheit sympathisch ist. Sie fragen nicht, ob eine Kirche jemanden für sittlich brauchbar hält. Sie fragen nicht, ob eine religiöse Tradition Nichtgläubige gerade noch erträgt.

Menschenrechte beginnen dort, wo Duldung aufhört.

Menschenwürde ist keine Konzession

Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte beginnt nicht mit Toleranz. Sie beginnt mit Freiheit und Gleichheit. Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. [4]

Das ist kein Duldungssatz. Das ist ein Bruch mit der Duldungslogik. Niemand besitzt Würde, weil andere sie ihm zugestehen. Niemand besitzt Gewissensfreiheit, weil eine Kirche gerade großzügig ist. Niemand besitzt Meinungsfreiheit, weil eine Regierung entspannt genug ist. Niemand besitzt Weltanschauungsfreiheit, weil eine religiöse Mehrheit heute einmal gute Laune hat.

Diese Rechte sind keine Geschenke. Sie sind keine Konzession. Sie sind keine Gnadenakte. Sie stehen dem Menschen zu, weil er Mensch ist.

Auch die Freiheit des Denkens, des Gewissens und der Religion oder Weltanschauung ist menschenrechtlich nicht als Duldung formuliert. Artikel 18 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte schützt Denken, Gewissen und Religion. Artikel 19 schützt Meinung und Ausdruck. [4]

Der Internationale Pakt über bürgerliche und politische Rechte zieht die Linie noch präziser: Die innere Freiheit des Denkens, des Gewissens und der Religion oder Weltanschauung darf nicht eingeschränkt werden; beschränkbar ist nur die äußere Manifestation, und auch das nur unter engen Voraussetzungen. [5]

Das ist der moderne Maßstab. Nicht: Wir tolerieren dich. Sondern: Du bist Träger gleicher Rechte.

Kant gegen die Duldung

Bei Kant findet sich die Härte, die der Toleranzbegriff nicht hat: Der Mensch ist nicht bloß Mittel. Er ist Zweck an sich. [6]

Das ist mehr als Moraltheorie. Es ist eine Demütigung jeder Herrschaftsgeste. Wer einen Menschen bloß duldet, behandelt ihn noch immer als Objekt fremder Verfügung. Er wird einsortiert, bewertet, zugelassen, kontrolliert. Seine Freiheit erscheint als etwas, das andere ihm lassen.

Kantisch gesprochen reicht das nicht. Ein Mensch ist nicht deshalb frei, weil andere ihn gerade nicht hindern. Er ist als vernünftiges und selbstbestimmungsfähiges Wesen nicht zum Objekt fremder Zwecke zu machen. Seine Würde besteht nicht darin, dass er von Mächtigeren ertragen wird. Sie besteht darin, dass er nicht verfügbar ist.

Toleranz bleibt zu oft bei der Frage stehen, wie viel Abweichung die Macht ertragen kann. Menschenwürde stellt die Gegenfrage: Wer hat der Macht erlaubt, sich überhaupt zur Instanz über die gleiche Geltung anderer Menschen zu machen?

Gleiche Freiheit statt gnädiger Duldung

John Rawls formuliert Gerechtigkeit als Ordnung freier und gleicher Bürgerinnen und Bürger. Sein erster Gerechtigkeitsgrundsatz verlangt gleiche Grundfreiheiten für alle, vereinbar mit denselben Grundfreiheiten für alle anderen. [7]

Das ist entscheidend. Freiheit ist nicht das, was übrig bleibt, wenn die Mehrheit fertig ist. Freiheit ist nicht der Restbestand nach kirchlicher, kultureller oder staatlicher Genehmigung. Freiheit ist ein gleicher Anspruch.

Gleiche Freiheit bedeutet: Niemand bekommt einen Sonderthron. Keine Religion. Keine Ideologie. Keine Mehrheit. Keine Tradition. Kein Kollektiv, das sich für heiliger, älter, ursprünglicher oder kulturell wertvoller hält als der einzelne Mensch.

Gleiche Freiheit bedeutet auch: Niemand muss um Existenzberechtigung bitten. Konfessionsfreie müssen nicht von religiösen Mehrheiten toleriert werden. Frauen müssen nicht von Patriarchen toleriert werden. Homosexuelle müssen nicht von Kirchen toleriert werden. Minderheiten müssen nicht von Mehrheiten toleriert werden. Kritik an Religion muss nicht von religiösen Autoritäten toleriert werden.

Alle diese Menschen und Positionen bewegen sich nicht im Gnadenraum der Duldung, sondern im Rechtsraum gleicher Freiheit.

Menschen haben Würde. Religionen nicht.

Hier muss die Unterscheidung unerbittlich klar sein.

Menschen haben Würde. Meinungen haben keine Würde. Menschen haben Rechte. Ideologien haben keine Rechte. Menschen sind zu schützen. Dogmen sind zu prüfen.

Und ebenso gilt: Glaubende Menschen haben Würde. Religionen haben keine Würde. Gläubige Menschen haben Rechte. Kirchen haben Interessen. Menschen dürfen nicht entwürdigt werden. Glaubenssätze dürfen zerlegt werden.

Das ist kein Angriff auf Religionsfreiheit. Das ist ihre notwendige Präzisierung.

Religionsfreiheit schützt Menschen in ihrer Freiheit des Denkens, des Gewissens, des Glaubens und Nichtglaubens. Sie schützt nicht die Religion selbst vor Kritik. Sie schützt nicht Dogmen vor Spott. Sie schützt nicht Kirchen vor Kontrolle. Sie schützt nicht Priester, Bischöfe, Imame, Rabbiner, Gurus oder sonstige religiöse Autoritäten vor Widerspruch. Sie schützt nicht heilige Texte vor historischer, moralischer, politischer oder satirischer Prüfung.

Eine Religion ist kein verletzbares Wesen. Eine Kirche blutet nicht. Ein Dogma friert nicht. Ein Katechismus hat keine Menschenwürde. Ein Glaubenssatz kann keine Grundrechte haben.

Menschen können verletzt werden. Menschen können verfolgt werden. Menschen können entrechtet, gedemütigt, bedroht oder ermordet werden. Deshalb sind Menschen zu schützen. Aber Ideen sind nicht zu schützen, sondern zu prüfen.

Und je größer der Herrschaftsanspruch einer Idee ist, desto schärfer muss sie geprüft werden.

Behauptungen haben Begründungspflichten

Das ist die säkulare Zumutung an jede Religion, jede Ideologie, jede Weltanschauung und jede politische Heilslehre: Menschen haben Rechte. Behauptungen haben Begründungspflichten.

Wer privat glaubt, muss niemandem seine innerste Gewissenslage vorführen. Das Innere des Gewissens steht nicht unter staatlicher oder gesellschaftlicher Beweispflicht. Aber sobald eine religiöse oder ideologische Behauptung öffentliche Geltung beansprucht, ändert sich die Lage.

Wenn eine Religion Einfluss auf Schule, Gesetzgebung, Medizin, Sexualität, Sterben, Forschung, Frauenrechte, Kinderrechte, Familienrecht, Wissenschaftsunterricht oder die Freiheit Andersdenkender nehmen will, dann ist sie nicht mehr bloß private Frömmigkeit. Dann ist sie öffentliche Behauptung. Dann ist sie Machtanspruch.

Und öffentliche Behauptungen haben kein Recht auf Weihrauch. Sie haben Begründungspflichten.

Das ist der Punkt, an dem Wissenschaft, Säkularismus und Humanismus zusammenfallen. Die Richard Dawkins Foundation formuliert ihre Aufgabe als Förderung wissenschaftlicher Bildung und einer säkularen Weltanschauung; das Center for Inquiry beschreibt seine Mission als Förderung einer säkularen Gesellschaft auf Grundlage von Vernunft, Wissenschaft, freier Untersuchung und humanistischen Werten. [1]

Genau hier liegt der Zusammenhang. Eine säkulare Gesellschaft ist nicht religionsfeindlich, wenn sie religiöse Behauptungen prüft. Sie ist vernünftig. Eine wissenschaftlich gebildete Gesellschaft ist nicht intolerant, wenn sie unbelegte metaphysische Ansprüche nicht wie Wissen behandelt. Sie ist redlich. Eine humanistische Gesellschaft ist nicht unmenschlich, wenn sie Menschen schützt, aber Dogmen angreifbar lässt. Sie nimmt den Menschen ernster als seine Behauptungen.

Religionskritik ist kein Toleranzdefekt

Gerade hier beginnt das große Gelulle. Wenn Religion kritisiert wird, heißt es schnell: Sei doch tolerant. Wenn kirchliche Privilegien hinterfragt werden, heißt es: Man muss Religionen respektieren. Wenn Frauenverachtung, Homophobie, Antisemitismus, autoritäre Moral, religiöse Sonderrechte oder sakrale Machtansprüche benannt werden, heißt es: Man darf Gläubige nicht verletzen.

Doch das ist eine Verschiebung. Kritik an Religion ist nicht automatisch Kritik an Menschen. Kritik an einer Kirche ist nicht automatisch Verfolgung ihrer Mitglieder. Kritik an einem Dogma ist nicht Herabwürdigung derer, die daran glauben. Wer diese Unterschiede verwischt, will nicht Freiheit schützen. Er will Kritik entschärfen.

Natürlich darf kein Mensch wegen seines Glaubens oder Nichtglaubens entwürdigt, bedroht oder entrechtet werden. Aber daraus folgt nicht, dass seine Überzeugungen immun wären. Es folgt nicht, dass religiöse Institutionen Schonräume bekommen. Es folgt nicht, dass die öffentliche Vernunft vor dem Heiligen die Schuhe auszuziehen hat.

Religionsfreiheit bedeutet nicht Religionsverschonung. Sie bedeutet: Der Mensch ist frei zu glauben. Sie bedeutet ebenso: Der Mensch ist frei, nicht zu glauben. Sie bedeutet auch: Der Mensch ist frei, Religion zu kritisieren. Und Konfessionsfreiheit ist keine Unterabteilung der Religionsfreiheit. Sie ist nicht der geduldete Schatten des Glaubens. Sie ist Ausdruck derselben Gewissensfreiheit. Der konfessionsfreie Mensch ist nicht weniger weltanschaulich vollständig als der religiöse Mensch. Er hat nicht bloß ein fehlendes Bekenntnis. Er ist kein Defekt im religiösen Weltbild. Er ist kein Minuswesen ohne metaphysische Ausstattung. Er steht gleichrangig. Nicht geduldet. Gleichrangig.

Nussbaum schützt das Gewissen, nicht das Dogma

Martha Nussbaum ist an dieser Stelle wichtig, weil sie Religionsfreiheit nicht als Schonung religiöser Lehren versteht, sondern als Frage gleicher Gewissensfreiheit. In Liberty of Conscience verteidigt sie eine Tradition religiöser Gleichheit und gleicher Freiheit des Gewissens. [8]

Das ist entscheidend. Denn Gewissen ist nicht Eigentum der Religion. Gewissen beginnt nicht erst dort, wo jemand betet, kniet, fastet, beichtet, pilgert oder heilige Texte zitiert. Auch der nichtreligiöse Mensch hat Gewissen. Auch der konfessionsfreie Mensch hat letzte Überzeugungen, moralische Bindungen, Lebensentscheidungen, Verantwortungen und Gründe, die sein Handeln tragen. Wenn der Staat nur Religion als Gewissen behandelt, aber Nichtreligion als bloße Meinung, Freizeitansicht oder Privatsache, ist er nicht neutral. Dann errichtet er eine Rangordnung.

Nussbaums Gedanke gleicher Achtung des Gewissens ist deshalb für eine humanistische Kritik der Toleranz besonders brauchbar. Er verschiebt die Frage weg von der Duldung religiöser Minderheiten hin zur Gleichrangigkeit aller Menschen als Träger von Gewissensfreiheit. Nicht die Religion steht im Zentrum, sondern die Person. Nicht das Dogma ist schutzwürdig, sondern der Mensch, der nach seinem Gewissen lebt.

Der religiöse Mensch darf glauben. Der konfessionsfreie Mensch darf nicht glauben. Der religiöse Mensch darf beten. Der konfessionsfreie Mensch darf widersprechen. Der religiöse Mensch darf seine Überzeugung leben. Der konfessionsfreie Mensch darf religiöse Überzeugungen kritisieren. Beide stehen nicht in einem Verhältnis von Norm und Abweichung. Sie stehen gleichrangig. Nussbaum schützt das Gewissen. Dawkins entheiligt die Behauptung. Isovalenz hält beides zusammen.

Die falsche Frage nach den Grenzen der Toleranz

Die klassische Frage lautet: Wo endet Toleranz?

Schon diese Frage ist falsch gestellt. Denn sie tut so, als sei Toleranz ein Grundwert, den man nur irgendwo begrenzen müsse. Aber wenn Toleranz selbst schon eine Duldungsfigur ist, dann kann sie nicht der höchste Maßstab sein.

Die richtige Frage lautet nicht: Wie viel Intoleranz müssen wir tolerieren? Die richtige Frage lautet: Wo wird gleiche Freiheit angegriffen?

Damit verschiebt sich alles. Es geht nicht mehr darum, ob eine Mehrheit etwas noch aushält. Es geht darum, ob Menschen entwürdigt, bedroht, entrechtet, eingeschüchtert oder unter Herrschaft gebracht werden. Es geht darum, ob jemand anderen gleiche Rechte abspricht. Es geht darum, ob religiöse, politische oder kulturelle Machtansprüche über die Selbstbestimmung von Menschen gestellt werden.

Karl Popper hat mit dem Paradox der Toleranz gezeigt, dass unbegrenzte Toleranz ihre eigenen Voraussetzungen zerstören kann. Wer den Feinden der offenen Gesellschaft unbegrenzt Raum lässt, kann am Ende die offene Gesellschaft verlieren. [9] Das ist richtig. Aber es bleibt noch im alten Wortfeld. Humanistisch schärfer wäre: Eine freie Gesellschaft verteidigt nicht Toleranz. Sie verteidigt gleiche Freiheit gegen ihre Abschaffung.

Isovalenz

Darum braucht es einen anderen Begriff. Nicht Toleranz. Nicht Duldung. Nicht Gnade. Nicht freundliche Herablassung. Der bessere Begriff ist Isovalenz.

In den Naturwissenschaften bezeichnet Isovalenz Gleichwertigkeit oder gleiche Wertigkeit in einem technischen Sinn. Philosophisch und sozialwissenschaftlich ist der Begriff nicht etabliert. Genau das macht ihn interessant. Er ist noch nicht verbraucht. Er ist noch nicht zum Sonntagswort geworden. Er riecht nicht nach Festrede, Förderprogramm und pädagogischer Wandzeitung.

Humanistisch neu gefasst bedeutet Isovalenz: gleiche menschliche Geltung. Nicht Gleichheit der Meinungen. Nicht Gleichheit der Ideologien. Nicht Gleichheit der Wahrheitsansprüche. Nicht Gleichheit der moralischen Qualität jeder Tradition. Nicht Gleichheit von Aufklärung und Aberglauben. Nicht Gleichheit von Freiheit und Unterwerfung.

Sondern gleiche Geltung der Menschen. Jeder Mensch hat denselben Freiheitswert. Jeder Mensch hat denselben Rechtswert. Jeder Mensch hat dieselbe Würde. Niemand steht als Mensch höher. Niemand steht als Mensch niedriger. Niemand braucht die Duldung eines anderen, um frei zu sein.

Der zentrale Satz lautet: Isovalenz bedeutet Gleichrangigkeit der Menschen, nicht Gleichwertigkeit ihrer Behauptungen. Genau deshalb schützt sie Gläubige und Konfessionsfreie gleichermaßen — und genau deshalb schützt sie keine Religion vor Kritik. Das ist der Punkt, an dem Toleranz zu klein wird.

Toleranz fragt: Was müssen wir noch dulden?
Isovalenz fragt: Wer nimmt sich hier das Recht, andere bloß zu dulden?

Toleranz fragt: Wie viel Abweichung hält die Mehrheit aus?
Isovalenz fragt: Warum hält sich die Mehrheit überhaupt für die Instanz?

Toleranz sagt: Ich lasse dich gelten.
Isovalenz sagt: Du hast über meine Geltung nicht zu verfügen.

Isovalenz als humanistisches Programm

Isovalenz ist mehr als ein Ersatzwort. Sie ist ein Prüfverfahren für Gesellschaften, Institutionen und Debatten. Sie fragt nicht, ob eine Mehrheit großzügig ist. Sie fragt, ob überhaupt eine Mehrheit das Recht beansprucht, großzügig sein zu dürfen. Sie fragt nicht, ob Minderheiten freundlich behandelt werden. Sie fragt, warum sie als Minderheiten um Freundlichkeit bitten sollen. Sie fragt nicht, ob Kritik höflich genug ist. Sie fragt, ob Menschenrechte durch Dogmen, Traditionen, Mehrheitsgefühle oder sakrale Empfindlichkeiten eingeschränkt werden sollen. Und aus dieser Perspektive lassen sich fünf Grundsätze formulieren.

  1. Menschen sind einander gleichrangig, nicht gleichartig. Niemand muss so leben, denken, lieben, glauben oder nicht glauben wie andere. Gleichrangigkeit verlangt keine Uniformität. Sie verlangt nur, dass Unterschiedlichkeit nicht in Überordnung und Unterordnung verwandelt wird.
  2. Würde gilt Personen, nicht Positionen. Eine Person darf nicht entwürdigt werden. Eine Position darf scharf kritisiert werden. Wer eine Meinung, eine Religion oder eine Ideologie gegen Kritik immunisieren will, verwechselt Menschenwürde mit Dogmenschutz.
  3. Freiheit ist kein Gnadenrest. Freiheit ist nicht das, was übrig bleibt, nachdem Staat, Kirche, Mehrheit, Tradition oder Kultur ihre Ansprüche angemeldet haben. Freiheit ist der Ausgangspunkt.
  4. Keine Weltanschauung steht über der gleichen Freiheit. Keine Religion, keine politische Ideologie, keine nationale Erzählung, keine kulturelle Tradition und kein moralischer Stammbaum dürfen Menschenrechte relativieren. Wo Weltanschauung Herrschaft über andere beansprucht, endet ihre Schutzwürdigkeit als bloße Meinung.
  5. Kritik ist kein Übergriff. Herrschaft ist einer. Wer ein Dogma kritisiert, greift keinen Menschen an. Wer einem Menschen aufgrund eines Dogmas Rechte abspricht, greift ihn an. Das ist die Grenze.

So verstanden ist Isovalenz nicht milder als Toleranz, sondern anspruchsvoller. Sie verlangt nicht, dass alle einander mögen. Sie verlangt nicht, dass alle Überzeugungen für gleich klug, gleich wahr oder gleich harmlos gehalten werden. Sie verlangt nur eines, aber das unerbittlich: Niemand steht als Mensch über einem anderen.

Isoranz

Isovalenz ist der präzise Begriff. Isoranz ist die Kampfansage. Das Kunstwort hat einen Vorteil: Es klingt nicht brav. Es klingt nicht nach behördlicher Integrationsbroschüre. Es klingt nicht nach dem warmen Tee der Konfliktvermeidung. Es stolpert. Es kratzt. Es verlangt Erklärung. Gut so.

Isoranz kann die publizistische Form von Isovalenz sein. Sie sagt nicht: Bitte sei freundlich zu mir. Sie sagt: Steig vom Thron. Sie richtet sich gegen alle, die noch immer meinen, sie könnten andere Menschen bloß dulden: religiöse Mehrheiten, kirchliche Apparate, kulturelle Wächter, politische Sittenrichter, identitäre Milieus, moralische Tribunale und alle sonstigen Eigentümer der vermeintlichen Normalität.

Isoranz bedeutet: Ich verlange keine Zuneigung. Ich verlange keine Zustimmung. Ich verlange keinen Applaus. Aber ich verweigere die Rolle des Geduldeten. Ich bin nicht dein Toleranzfall. Ich bin nicht dein pädagogisches Projekt. Ich bin nicht deine Abweichung. Ich bin nicht dein Prüfstein für Großzügigkeit. Ich bin nicht abhängig von deiner Milde. Ich bin gleichrangig.

Isoranz ist deshalb keine Bitte um bessere Toleranz. Sie ist die Kündigung des Duldungsverhältnisses.

Die Isovalenzprüfung

Als politischer Maßstab ist Isovalenz besonders brauchbar, weil sie konkrete Fragen stellt. Wer spricht hier als Norm? Wer wird als Abweichung behandelt? Wer soll dankbar sein, dass er geduldet wird? Wer beansprucht Schonung vor Kritik? Wer fordert Rechte für Menschen, und wer fordert Immunität für Ideen? Wer verwechselt Kränkung mit Unrecht? Wer verwandelt Religion, Kultur oder Tradition in Macht über andere? Wer soll tolerant sein, während andere herrschen? Diese Fragen entlarven sehr schnell, worum es wirklich geht.

Wenn eine Kirche Sonderrechte verteidigt, geht es nicht um Toleranz, sondern um Macht. Wenn religiöse Funktionäre Kritik als Respektlosigkeit abwehren, geht es nicht um Menschenwürde, sondern um Dogmenschutz. Wenn Konfessionsfreie in öffentlichen Debatten nur als Mangel an Religion erscheinen, geht es nicht um Neutralität, sondern um eine religiöse Normordnung. Wenn Frauen, Homosexuelle, Andersgläubige, Nichtgläubige oder Dissidenten Rücksicht auf Traditionen nehmen sollen, die sie kleinhalten, geht es nicht um kulturelle Vielfalt, sondern um Herrschaft.

Die Isovalenzprüfung fragt nicht, ob alle nett zueinander sind. Sie fragt, ob alle gleich frei sind.

Freiheit ist Nicht-Herrschaft

Philip Pettit und die republikanische Freiheitsdebatte helfen, den Punkt noch schärfer zu fassen: Freiheit ist nicht nur Abwesenheit unmittelbarer Einmischung. Freiheit bedeutet Nichtbeherrschung, also Schutz vor willkürlicher Macht. [10]

Das trifft die Schwäche der Toleranz genau. Der Geduldete kann unbehelligt leben. Heute. Vorläufig. Solange er nicht auffällt. Solange er die Regeln der Mehrheit akzeptiert. Solange er nicht gleiche Stellung verlangt. Aber er bleibt beherrschbar. Wer nur toleriert wird, lebt in einer Freiheit auf Abruf. Er ist abhängig von Stimmung, Mehrheitsverhältnissen, religiösen Dogmen, politischen Launen, kulturellen Reflexen oder institutioneller Macht.

Nicht-Herrschaft bedeutet dagegen: Niemand besitzt die willkürliche Macht, meine Freiheit bloß zu gewähren oder zu entziehen. Das ist der republikanische Kern der Isovalenz.

Nicht: Ich habe Glück, dass du mich lässt. Sondern: Du hast kein Recht, über meine gleiche Freiheit zu verfügen.

Konfessionsfrei heißt nicht geduldet

Für Konfessionsfreie ist diese Unterscheidung zentral.

Religiöse Institutionen treten in der Öffentlichkeit selten bescheiden auf. Sie verlangen nicht bloß Toleranz. Sie beanspruchen Sichtbarkeit, Finanzierung, Unterricht, Feiertage, Sendezeit, Seelsorge, Sonderrechte, moralische Deutungshoheit und politischen Einfluss.

Konfessionsfreie hingegen werden oft noch behandelt, als seien sie die Abweichung. Als hätten sie kein eigenes weltanschauliches Gewicht. Als seien sie bloß religiös unmöbliert. Als fehle ihnen etwas, das andere besitzen.

Das ist falsch. Konfessionsfrei zu sein heißt nicht, weniger Weltanschauung zu haben. Es heißt nicht, weniger moralisch zu sein. Es heißt nicht, weniger gemeinschaftsfähig zu sein. Es heißt nicht, weniger Tiefe, weniger Ernst, weniger Verantwortung oder weniger Sinn zu haben.

Konfessionsfreie brauchen keine Toleranz religiöser Mehrheiten. Sie brauchen weltanschauliche Gleichstellung, nicht Religion als Norm und Nichtreligion als geduldete Ausnahme. Nicht Glaube als öffentlich wertvoll und Nichtglaube als private Leerstelle. Nicht Kirche als Stimme der Moral und Humanismus als Randnotiz. Nicht Sakralprivilegien plus ein bisschen säkulare Duldung. Sondern gleiche Freiheit. Gleiche öffentliche Geltung. Gleiche Rechte. Isovalenz.

Die Grenze liegt beim Übergriff

Eine Gesellschaft der Isovalenz ist keine Gesellschaft ohne Konflikt. Im Gegenteil. Sie erlaubt Konflikt, weil sie Gleichheit ernst nimmt. Man darf Religion kritisieren. Man darf Ideologien verspotten. Man darf politische Programme bekämpfen. Man darf Traditionen zurückweisen. Man darf heilige Kühe schlachten, sofern keine Menschen geschlachtet werden.

Die Grenze liegt nicht bei Kränkung. Die Grenze liegt beim Übergriff. Übergriff beginnt dort, wo Menschen entwürdigt, bedroht, entrechtet, eingeschüchtert oder unter fremde Herrschaft gezwungen werden sollen. Übergriff beginnt dort, wo gleiche Freiheit bestritten wird. Übergriff beginnt dort, wo aus Meinung Macht über andere werden soll.

John Stuart Mill setzt staatlichem und gesellschaftlichem Zwang eine scharfe Grenze: Macht darf gegen den Willen eines Menschen nur ausgeübt werden, um Schaden an anderen zu verhindern; das eigene Wohl des Betroffenen reicht nicht als Rechtfertigung. [11]

Auch das ist keine Toleranzromantik. Es ist Machtbegrenzung, denn die Freiheit des einen endet nicht dort, wo ein anderer sich gekränkt fühlt. Sie endet dort, wo die gleiche Freiheit des anderen verletzt wird.

Schluss mit der Duldungssprache

Wir sollten aufhören, Menschen zu tolerieren. Nicht, weil wir härter, kälter oder rücksichtsloser werden sollten. Sondern weil der Begriff zu klein ist für das, worum es geht. Eine freie Gesellschaft besteht nicht darin, dass die Mehrheit milde wird. Sie besteht darin, dass niemand auf Milde angewiesen ist. Eine humane Gesellschaft besteht nicht darin, dass Kirchen Nichtgläubige, Männer Frauen, Mehrheiten Minderheiten, Staaten Dissidenten oder Normgesellschaften Abweichende gerade noch ertragen. Eine humane Gesellschaft beginnt dort, wo niemand mehr um Duldung bitten muss.

Darum: Ich will nicht toleriert werden.

Ich will nicht als Störung im Weltbild anderer verwaltet werden. Ich will nicht unter Bewährung frei sein. Ich will nicht warten, ob eine Mehrheit, eine Kirche, eine Partei, eine Tradition oder irgendein moralisches Aufsichtspersonal mir noch Raum lässt.

Ich will gleiche Freiheit. Ich will gleiche Würde. Ich will gleiche Rechte. Und dafür ist Toleranz nicht genug.

Der bessere Begriff heißt Isovalenz. Oder, wenn es schärfer sein soll: Isoranz. Nicht geduldet. Gleichrangig. Toleranz lässt den Thron stehen und bittet die Herrschenden um Milde. Isovalenz schafft den Thron ab. Darum ist Sei doch tolerant oft der falsche Satz. Der richtige Satz lautet:

Steig herunter!


Quellen

[1] Richard Dawkins Foundation for Reason and Science: Über die Stiftung / About; Center for Inquiry: About / Our Mission. Herangezogen für die Verbindung von wissenschaftlicher Bildung, säkularer Weltanschauung, Vernunft, Wissenschaft, freier Untersuchung und humanistischen Werten.

[2] Forst, Rainer: Toleration. In: Zalta, Edward N. / Nodelman, Uri, Hrsg.: The Stanford Encyclopedia of Philosophy. Herangezogen für die Struktur von Toleranz als Ablehnung, Annahme und Grenze sowie für die permission conception als hierarchische Duldungsform.

[3] Locke, John: A Letter Concerning Toleration. 1689. Herangezogen für Lockes Verteidigung religiöser Toleranz und für die Grenze seines Ansatzes, insbesondere den Ausschluss von Atheisten.

[4] Vereinte Nationen: Allgemeine Erklärung der Menschenrechte / Universal Declaration of Human Rights. 1948. Artikel 1, 18 und 19. Herangezogen für Freiheit, Gleichheit, Gewissensfreiheit und Meinungsfreiheit als menschenrechtliche Ansprüche, nicht als Duldung.

[5] UN Human Rights Committee: General Comment No. 22: Article 18. 1993; Office of the High Commissioner for Human Rights: International Covenant on Civil and Political Rights. Herangezogen für die Unterscheidung zwischen unbedingter innerer Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit und beschränkbarer äußerer Manifestation.

[6] Kant, Immanuel: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. 1785. Herangezogen für die Zweck-an-sich-Formel und den Gedanken der Nichtverfügbarkeit des Menschen.

[7] Rawls, John: John Rawls. In: The Stanford Encyclopedia of Philosophy. Ergänzend: Rawls, John: A Theory of Justice. Harvard University Press, Cambridge, MA 1971; Rawls, John: Political Liberalism. Columbia University Press, New York 1993. Herangezogen für den Gedanken gleicher Grundfreiheiten freier und gleicher Bürgerinnen und Bürger.

[8] Nussbaum, Martha C.: Liberty of Conscience: In Defense of America’s Tradition of Religious Equality. Basic Books, New York 2008. Herangezogen für gleiche Gewissensfreiheit, religiöse Gleichheit und die Ablehnung religiöser Rangordnungen im Staat.

[9] Popper, Karl R.: The Open Society and Its Enemies. Routledge, London 1945. Herangezogen für das Paradox der Toleranz und die Selbstgefährdung unbegrenzter Toleranz gegenüber intoleranten, freiheitszerstörenden Kräften.

[10] Pettit, Philip: Republicanism: A Theory of Freedom and Government. Oxford University Press, Oxford 1997; Pettit, Philip: On the People’s Terms: A Republican Theory and Model of Democracy. Cambridge University Press, Cambridge 2012. Ergänzend: Stanford Encyclopedia of Philosophy: Republicanism. Herangezogen für republikanische Freiheit als Nichtbeherrschung.

[11] Mill, John Stuart: On Liberty. 1859. Herangezogen für das Freiheits- und Schadensprinzip als Grenze legitimer gesellschaftlicher und staatlicher Einmischung.

[12] Council for Secular Humanism: A Secular Humanist Declaration. 1980. Herangezogen für die Verbindung von freier Untersuchung, Trennung von Kirche und Staat, kritischer Vernunft, religiöser Skepsis, Wissenschaft und säkularem Humanismus.

16 Kommentare

  1. Eva Nowatschek sagt:

    Ein sehr lesenswerter und konsequent argumentierter Beitrag. Besonders überzeugend finde ich die Unterscheidung zwischen dem Schutz von Menschen und der Kritikfähigkeit von Ideen. Der Satz „Menschen haben Würde. Religionen nicht.“ bringt einen zentralen rechtsstaatlichen Grundsatz auf den Punkt.

    Den Begriff Isovalenz finde ich als Alternative zur Toleranz interessant, weil er den Fokus tatsächlich von der Duldung auf die Gleichrangigkeit aller Menschen verschiebt. Gleichzeitig frage ich mich, ob der Begriff Toleranz nicht historisch bereits eine Entwicklung durchlaufen hat. Im modernen liberalen Verständnis wird Toleranz oft gerade nicht mehr als herablassende Duldung verstanden, sondern als Anerkennung gleicher Freiheit trotz tiefgreifender Meinungsverschiedenheiten.

    Vielleicht liegt die eigentliche Herausforderung weniger darin, den Begriff Toleranz zu ersetzen, als seine paternalistische Bedeutung konsequent zu überwinden. Unabhängig davon ist die Kernbotschaft des Artikels wichtig: Niemand sollte auf die Großzügigkeit einer Mehrheit angewiesen sein, um seine Freiheit und Würde ausüben zu können. Gleiche Rechte sind kein Gnadenakt, sondern der Ausgangspunkt einer freien Gesellschaft.

    Eva Nowatschek US-amerikanischen Netzwerk SNAP-Survivors Network of those abused by Priests-

    nowatschek.snap@gmail.com

  2. Christian B. sagt:

    Ich weiß, sie lieben Böll, und sie lieben es, jemandem rhetorisch eins aufs Maul zu geben. Diesmal trifft es die Toleranz-Luller, und ich sage: Gut getroffen!

    Ich will jetzt nicht wie ein bezahlter Claqueur klingen, aber Forst, Locke, Kant, Rawls, Nussbaum, Popper, Pettit, Mill und Dawkins in einem Artikel zu bringen, dabei streng mit der AEMR zu navigieren und Platz für persönliche Empfindungen zu lassen – dem Menschen schulde ich Respekt. Auch an der mutigen Kritik von Popper, ja, jeder lebt(e) in seiner Zeit, so auch Popper.

    Und: Der Artikel führte bei uns dazu, über unser eigenes Denken zu denken, es gibt so viel, was man sagt und nicht hinterfragt.

    Isoranz ist schön, aber mit IsoRant konnotiert – doch der Rant kommt zu Recht.

    Danke – ein wertvoller und nachhaltiger Artikel!

  3. Rudolf Weleba sagt:

    Ich bin sprachlos, der Inhalt ist punktgenau getroffen.

  4. Mag. Dr. Hilde Berger sagt:

    Seit der Jungsteinzeit wenden sich die Menschen nach „oben“, zu überirdischen Wesen, die die Welt lenken und es in der Hand haben, den Tod zu überwinden. Welcher Glaube nun zeitlich oder örtlich vorherrscht, hängt von politischen Zufällen, Kriegen und Machtverhältnissen ab. Jeder Mensch glaubt, zumindest als Kind das, was seine „Gruppe“ auch glaubt. Religionen können auch aussterben, zusammen mit ihren Anhängern – so geschehen den Göttern der Germanen, Ägyptern etc. etc. Mit Nietzsche gesprochen:es ist der Mensch, der die Götter macht und nicht umgekehrt.

    Daraus folgt: Menschen haben Rechte, Religionen haben keine Rechte. Sie können, ja müssen auf ihre Aussagen überprüft werden, kritisiert oder verspottet werden, ihre menschenunfreundlichen Vorschriften verboten werden. Es sei denn, sie können den Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen auf wissenschaftliche Art beweisen.

  5. Präzise ausgearbeitet trifft es sehr weitreichend zu, was Du schreibst. Von den Problemen mit Religionen bis zur Politik in unserer schönen Demokratie.
    Isovalenz als humanistisches Projekt -besser Dauerprojekt-könte bei Jugendarbeit begonnen werden.
    Dazu hast Du schon vor längerer Zeit mit mehreren deutschen humanistischen Vereinen Kontakte aufgenommen.

  6. Dietger Lather sagt:

    Mein Kommentar zum Essay:
    „Mir kommt deshalb das kalte Grausen, wenn ich den Satz höre: Sei doch tolerant.“ Mir nicht. Im Gegenteil ich möchte toleriert werden mit meiner Lebensphilosophie. Ich will das dies geduldet wird.

    Gerne habe ich das Essay gelesen und viel über die historische Bedeutung des Toleranzbegriffes gelernt. Allerdings kritisiere ich, die Nutzung und Ausdeutung des Begriffs von der Vergangenheit auf die Gegenwart zu übertragen. Deutlich wird dies im Essay bei der Erwähnung von John Locke: „Atheisten wollte Locke ausdrücklich nicht tolerieren,…“. Die Auffassung von Locke kann nur im historischen Kontext verstanden werden. In der Gegenwart ist sie bedeutungslos geworden.
    Die Nutzung des Begriffes Toleranz muss in den jeweiligen gesellschaftlichen, kulturellen und rechtlichen Status eingeordnet werden, den sich ein Staat oder eine Gemeinschaft gegeben hat. Die Die Bedeutung und Nutzung des Begriffes Toleranz ändert sich mit dem Wandel von Gesellschaften. Ein stetiger zumeist evolutionärer Prozess, der anhalten wird.
    Spreche ich in der Gegenwart über Toleranz, so beruht die Nutzung dieses Begriffes in meinem Staat (Deutschland) konkret auf der Basis des Grundgesetztes Artikels 3:
    „(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.
    (2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.
    (3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“
    Dieser Artikel setzt den ethischen und rechtlichen Rahmen für die Nutzung des Begriffes Toleranz. Absatz 3 wird weithin als grundgesetzlich festgeschriebener Schutz von Minderheiten interpretiert. Ergänzend ist der Artikel 25 zu erwähnen:
    „Die allgemeinen Regeln des Völkerrechtes sind Bestandteil des Bundesrechtes. Sie gehen den Gesetzen vor und erzeugen Rechte und Pflichten unmittelbar für die Bewohner des Bundesgebietes.“ Damit ist die vom Autor geforderte Universalität bei der Nutzung des Begriffes Toleranz verbindlich festgeschrieben.
    Ein Idealist könnte glauben, damit sei Toleranz als Wert gesetzt, der die Diversität einer Gesellschaft anerkennt, deren Angehörige die gesetzten Normen und Regeln beachten und in diesem Rahmen unterschiedliche Lebensphilosophien pflegen können. In der Realität diskutieren jedoch die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppierungen über die Auslegung und Gestaltung der o.a. Artikel und die Verbindlichkeit des Völkerrechtes. Im Essay wird dies angesprochen:
    „Er (Begriff Toleranz) fällt nicht selten genau dann, wenn Macht, Dogma, religiöse Privilegien, kulturelle Anmaßungen oder gesellschaftliche Ungleichheit in Frage gestellt werden.“
    Hier spreche ich nicht mehr von Toleranz, sondern vom Versuch, Andersmeinende auszuschließen, und von der Arroganz derjenigen, die sich für mächtig halten oder die legitimiert wurden, Macht auszuüben. Diese Versuche sind Beispiel einer gelebten Intoleranz, die nicht geduldet werden kann, da sie die Normen und Regeln der Gesellschaft, in der sie leben, bewusst missachten.
    Toleranz ist nicht mehr Ausdruck herrschaftlicher Milde gegenüber Untergeordneten, Minderheiten, Andersfarbigen oder Andersgläubigen, um sie auszugrenzen. Toleranz fordert, innerhalb eines normativen gesellschaftlichen Rahmens Diversität leben zu können. Duldung fordert von denjenigen, die meine Lebensphilosophie nicht leben können oder wollen, Toleranz. Diese Menschen müssen mich erdulden.
    Es bedarf also nicht, neue Begrifflichkeiten zu erfinden, die aus dem naturwissenschaftlichen Bereich entlehnt sind. Es bedarf, den fordernden Charakter von Toleranz und Duldung zum allgemeinen Verständnis zu wandeln.
    Meine persönlichen Erfahrungen bestätigen dies. Sogar im recht strengen katholischen Umfeld in Innsbruck wird bei der Caritas, bei deren sozialen Projekten ich mitarbeite, meine humanistische Lebenseinstellung toleriert. Mit tiefgläubigen Frauen und Männern habe ich religiöse Themata diskutieren können. Zum Beispiel meine Überzeugung, dass alle Gottheiten und Götter von Menschen erfunden wurden, ansonsten gäbe es weltweit nicht tausende. Sehr verblüffend war für mich, von dieser Organisation sogar eine Auszeichnung für mein soziales Engagement zu erhalten. Andererseits erlebe ich Diskussionsverweigerungen von Dogmatikern gleich welcher weltlicher oder religiöser Überzeugung. Leider nimmt die Intoleranz zu.

    • Hallo Dieter,

      danke für diesen sehr ernsthaften und fairen Kommentar. Gerade weil er nicht polemisch ist, lohnt sich die genaue Antwort.

      Ich glaube, unser Dissens liegt weniger darin, ob Menschen mit unterschiedlichen Lebensphilosophien frei leben können sollen. Darin sind wir uns offenbar einig. Der Unterschied liegt darin, ob Toleranz dafür der richtige Begriff ist.

      Du schreibst, Du möchtest mit Deiner Lebensphilosophie toleriert werden und willst, dass diese geduldet wird. Genau an diesem Punkt beginnt mein Unbehagen. Denn wenn meine Lebensphilosophie nur geduldet wird, bleibt sie abhängig von der Haltung anderer. Dann stehe ich nicht selbstverständlich als Gleicher im Raum, sondern werde von anderen ertragen. Das mag im Alltag freundlich gemeint sein. Begrifflich bleibt aber ein Gefälle: Einer duldet, der andere wird geduldet.

      Du hast völlig recht: Locke muss historisch gelesen werden. Ich wollte Locke nicht so behandeln, als wäre seine Position eins zu eins unsere Gegenwart. Gerade seine Grenze gegenüber Atheisten zeigt aber, was mich am Toleranzbegriff interessiert: nicht seine historische Oberfläche, sondern seine innere Struktur. Toleranz kann Fortschritt gegenüber Verfolgung sein. Aber sie ist noch nicht Gleichrangigkeit. Sie kann eine Zwischenstufe auf dem Weg zur Freiheit sein, aber sie ist nicht deren Ziel.

      Auch die Berufung auf das Grundgesetz sehe ich etwas anders. Artikel 3 GG sagt nicht: Minderheiten sollen toleriert werden. Er sagt: Menschen sind gleich und dürfen wegen Geschlecht, Herkunft, Glauben, religiöser oder politischer Anschauung nicht benachteiligt oder bevorzugt werden. Das ist mehr als Toleranz. Das ist rechtliche Gleichstellung. Noch deutlicher wird es in § 33 Absatz 3 GG: Niemandem darf aus der Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit zu einem Bekenntnis oder einer Weltanschauung ein Nachteil erwachsen. Genau das ist der Punkt: Nichtreligion ist nicht eine geduldete Abweichung von Religion, sondern gleichrangige Weltanschauungsfreiheit.

      Darum richtet sich mein Essay nicht gegen das friedliche Zusammenleben unterschiedlicher Menschen. Im Gegenteil. Er richtet sich gegen die alte und immer noch wirksame Geste, nach der manche Menschen, Institutionen oder Mehrheiten sich für die Instanz halten, die anderen großzügig Raum gewährt. Wenn Du schreibst, Toleranz fordere innerhalb eines normativen Rahmens, Diversität leben zu können, dann beschreibst Du im Grunde schon etwas, das ich lieber Gleichrangigkeit oder Isovalenz nennen würde.

      Der Unterschied ist nicht bloß sprachlich. Sprache prägt, wer als Norm erscheint und wer als Abweichung. Wenn eine katholische Einrichtung Deine humanistische Lebenseinstellung im Alltag respektvoll behandelt, ist das erfreulich. Aber aus meiner Sicht ist das Beste daran gerade nicht, dass man Dich toleriert, sondern dass man Dich als Mensch und als Mitarbeitenden ernst nimmt. Dass Gespräche möglich sind. Dass soziales Engagement anerkannt wird. Dass Deine Weltanschauung nicht als Defekt behandelt wird. Das ist nicht bloß Duldung. Das ist praktische Gleichrangigkeit.

      Ich bestreite also nicht, dass viele Menschen den Begriff Toleranz heute gut, freundlich und demokratisch meinen. Ich bestreite auch nicht, dass der Begriff historisch gewandelt wurde. Aber ich halte ihn trotzdem für zu schwach, weil er die alte Hierarchie sprachlich nicht ganz loswird.

      Mein Ziel ist daher nicht, Menschen das Wort Toleranz zu verbieten. Mein Ziel ist, einen schärferen Maßstab vorzuschlagen:

      Menschen haben Würde. Religionen und Meinungen nicht.
      Menschen haben Rechte. Dogmen haben Begründungspflichten.
      Menschen sind zu schützen. Behauptungen sind zu prüfen.

      Wenn Toleranz in diesem starken Sinn gemeint ist, dann sind wir sachlich nahe beieinander. Ich würde nur sagen: Dann sollten wir sie nicht länger Toleranz nennen.

      Dann sprechen wir von gleicher Freiheit.

      Oder eben: von Isovalenz.

      • Dann haben wir eben den neuen Begriff Isovalenz. Entscheidend ist, wie wir das alles umsetzen. Wir könnten gleich bei der Jugendbetreuubg beginnen. Seniorenbetreuung sollte folgen. HV Nürnberg macht es beispielhaft vor. Wir können nicht Österreich mit humanist. Kitas und Schulen überziehen. Karl Popper schreibt in „Objektive Erkenntnis“: Man sollte die Bedeutung von Wörtern jederzeit wie die Pest meiden.
        Niko Alm schreibt im Buch „Ohne Bekenntnis“: Die Kirchen haben es bisher verabsäumt, sich zu einer lebensbejahenden Philosophie zu entwickeln.
        Diese Chance haben wir Humanisten jetzt. Neben Religionskritik müssen wir die Bedeutung der KI Entwicklung berücksichtigen. Dazu Das Wiener Manifest des Digitalen Humanismus usw.
        Was ist mit dem ausufernden Kapitalismus , auch in der Politik. Alles ist Liberalisierung und alle Preissteigerungen sind frei

        • Korrektur:
          Popper schrieb, man sollte Diskussionen über die Bedeutung von Wörtern jederzeit wie die Pest meiden. Aber hier geht es um die Sache, die feinere Differenzierung der Toleranz.

  7. Jim Hawkins sagt:

    ich bin für Ignoranz statt dem ganzen Iso-kram

    apropos Ignoranz: worauf bezieht sich eigentlich die äusserst schwer zu tolerierende Fussnote der rechten, elitistischen „[1] Richard Dawkins Foundation for Reason and Science“? Im Text gibt es keine [1]

    Was ich auch nicht weiß: wieso überhaupt der Text? „Humanisten“ – Atheisten, Säkulare, Ungläubige, usw. – werden meines Wissens in Europa doch gar nicht verfolgt oder benachteiligt? „Ist mir noch nicht passiert!“, kann ich dazu nur sagen. Oder das:

    È difficile tollerare un testo così inconcludente.

    • Hallo Jim,
      danke für den Kommentar.

      Zur Fußnote: Die [1] bezieht sich auf die Passage zur Richard Dawkins Foundation und zum Center for Inquiry. Sie steht im Text; man muss sie nur finden wollen.

      Zum Inhalt: Der Text behauptet nicht, dass Humanisten, Atheisten oder Konfessionsfreie in Europa flächendeckend verfolgt würden. Er sagt etwas anderes: Nichtverfolgung ist noch keine Gleichrangigkeit. Wer nur dort ein Problem erkennt, wo bereits Gefängnis, Gewalt oder offene Entrechtung vorliegen, setzt die Schwelle zu niedrig.

      Benachteiligung beginnt nicht erst mit Verfolgung. Sie zeigt sich auch in religiösen Privilegien, staatlicher Symbolpolitik, asymmetrischer Rücksichtnahme, kirchlichem Einfluss, Sonderrechten und der Erwartung, Religionskritik möge sich bitte besonders höflich benehmen.

      „Ist mir noch nicht passiert“ ist als persönliche Erfahrung völlig legitim. Als politisches Argument ist es dünn.

      Und ja: È difficile tollerare un commento così inconcludente.

      • Jim Hawkins sagt:

        @ Dr. Andreas Gradert

        „Zur Fußnote: Die [1] bezieht sich auf die Passage zur Richard Dawkins Foundation und zum Center for Inquiry. Sie steht im Text; man muss sie nur finden wollen.“

        Zeigen Sie mir doch einfach die Stelle. Ich finde zweimal die die [2] – aber nicht die [1], habe den Text auch mal bis zur [2] kopiert, die Formatierung geändert und … sehe immer noch keine [1]

        „Benachteiligung beginnt nicht erst mit Verfolgung. Sie zeigt sich auch in religiösen Privilegien, staatlicher Symbolpolitik, asymmetrischer Rücksichtnahme, kirchlichem Einfluss, Sonderrechten und der Erwartung, Religionskritik möge sich bitte besonders höflich benehmen.“

        wenn man keine echten Probleme hat, dann macht sich eben welche. Und fühlt sich gleich wichtiger?

        „È difficile tollerare un commento così inconcludente.“

        Was Eigenes haben Sie nicht?

        • Die Fußnote prüfe ich gerne – wenn die [1] tatsächlich verschwunden ist, ist das ein Formatierungsfehler der Website und kein philosophisches Problem. Das lässt sich in zwei Minuten beheben.

          Aber ich habe sie gefunden, Behauptungen haben Begründungspflichten, vorletzter Absatz, letzte Zahl. Gerne zu Diensten.

          Der Rest Ihres Kommentars ist interessanter.

          Sie reduzieren meinen Text auf die Behauptung: „Humanisten werden verfolgt.“ Das steht dort aber nicht. Sie bekämpfen also eine Aussage, die ich nie getroffen habe. Fein.

          Ich kritisiere rechtliche und gesellschaftliche Privilegien von Religionen sowie die Erwartung, weltanschauliche Kritik müsse gegenüber religiösen Überzeugungen besonders rücksichtsvoll sein. Das sind überprüfbare Tatsachen. Ob Sie diese Privilegien für gerechtfertigt halten, können wir gerne diskutieren. So zu tun, als gäbe es sie nicht, ist allerdings keine Diskussion.

          Ihr Argument lautet sinngemäß: „Mir ist das noch nie passiert.“ Nach derselben Logik gäbe es weder Diskriminierung von Frauen noch von Menschen mit Behinderung noch von ethnischen Minderheiten – denn irgendjemandem ist es eben auch noch nie passiert. Persönliche Episoden sind kein Maßstab für gesellschaftliche Verhältnisse.

          Und zu Ihrem letzten Satz: Nein, den italienischen Satz habe ich nicht erfunden. Er war lediglich eine kleine Reminiszenz an Ihren eigenen Kommentar. Ich ging davon aus, dass Sie das erkennen würden.

        • Jim Hawkins und der Schatz der Fußnote

          Jim Hawkins hatte gehört, auf einer kleinen Insel namens „Ich will nicht toleriert werden“ sei ein Schatz vergraben. Also machte er sich voller Zuversicht auf den Weg. Kaum angekommen, stieß er auf eine Fußnote. „Aha!“, rief er. „Sie fehlt!“ Der Inselwächter zeigte schweigend auf die Stelle. „Dort.“ Jim blickte hin, sah sie tatsächlich – und erklärte dennoch, sie sei unauffindbar. Das war sein erster Fehlschlag.

          Unbeeindruckt marschierte er weiter. Auf einem großen Stein stand eingemeißelt: *Menschen haben Rechte. Weltanschauungen nicht.* Jim nickte selbstzufrieden und verkündete: „Also wollt ihr Religion verbieten.“ Der Wächter schüttelte den Kopf. „Nein. Das steht dort nicht.“ Zweiter Fehlschlag.

          Ein paar Schritte weiter las Jim den Satz: *Benachteiligung beginnt nicht erst mit Verfolgung.* Er lachte. „Mir ist so etwas noch nie passiert.“ Der Wächter antwortete freundlich: „Das ist schön für dich. Mit dem Satz hat es allerdings nichts zu tun.“ Dritter Fehlschlag.

          Langsam wurde Jim ungeduldig. „Wenn man keine echten Probleme hat, macht man sich eben welche!“, rief er. „Das mag deine Meinung über die Autoren sein“, sagte der Wächter, „aber noch immer kein Argument gegen ihre Gedanken.“ Vierter Fehlschlag.

          Nun begann Jim, alles pauschal als „Iso-Kram“ abzutun. Der Wächter fragte, welchen Einwand er denn gegen die eigentliche These habe. Jim dachte kurz nach, fand keinen und sprach stattdessen erneut über die Fußnote. Fünfter Fehlschlag.

          Den Rest des Tages verbrachte er damit, den Rand der Schatzkarte zu vermessen, die Schriftgröße zu kritisieren und zu erklären, warum die Karte vermutlich gar keine Karte sei. Gegraben wurde kein einziges Mal. Sechster bis neunter Fehlschlag.

          Als die Sonne unterging, verkündete Jim enttäuscht: „Es gibt hier gar keinen Schatz.“

          Der Wächter lächelte müde. „Doch“, sagte er. „Du bist nur den ganzen Tag um ihn herumgelaufen. Du hast den Rahmen untersucht, die Legende beanstandet, die Fußnote angezweifelt und dem Kartografen schlechte Motive unterstellt. Nur eines hast du nie getan: dort graben, wo die Argumente liegen.“

          Jim Hawkins stach wieder in See. Er war fest davon überzeugt, Opfer einer besonders hinterhältigen Schatzinsel geworden zu sein. Die Insel hingegen blieb gelassen. Sie hatte an diesem Tag bereits zum neunten Mal erlebt, dass jemand die Fußnote für den Schatz hielt.

          • Jim Hawkins sagt:

            @ Dr. Andreas Gradert

            Sie meinen die [1], die bei Ihnen nach der [7] kommt?

            Ja, Tschuldigung, das ist Philosophie für Fortgeschrittene, in meiner kleinen (Alltags-) Welt kommt die [1] vor der [2] usw.

            Vielen Dank auch für Ihre weiteren Ausführungen, mein Fazit: ich bin Dr. Andreas Gradert einfach geistig nicht gewachsen.

            Von Ihrer Jim Hawkins-Geschichte habe ich vorsichtshalber nur den ersten Absatz gelesen, und werde Ihren Blog in Zukunft meiden, zu hohes Niveau: Sie sollten dazu eine Träger-Warung anbringen.

  8. Jim Hawkins sagt:

    @ Dr. Andreas Gradert

    (Autokorrektur korrigiert:) Von Ihrer Jim Hawkins-Geschichte habe ich vorsichtshalber nur den ersten Absatz gelesen, und werde Ihren Blog in Zukunft meiden, zu hohes Niveau: Sie sollten dazu eine TRIGGERWarnung anbringen.

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