Wenn Bilder die Welt verändern

© Johannes Zinner
© Johannes Zinner

Gedanken zur Eröffnung des Festival La Gacilly-Baden Photo 2026

Es gibt Orte, an denen Kunst nicht nur betrachtet wird, sondern etwas in uns bewegt. Das Festival La Gacilly-Baden Photo gehört für mich seit Jahren dazu. Als ich am 12. Juni die Eröffnung der diesjährigen Ausgabe im bis auf den letzten Platz gefüllten Stadttheater Baden besuchte, hatte ich das Gefühl, dass sich viele meiner eigenen Überzeugungen an diesem Abend auf besondere Weise miteinander verbanden: meine Begeisterung für die Fotografie, mein Respekt vor Jane Goodall und die Frage, wie wir in einer Zeit künstlicher Intelligenz Vertrauen in Bilder bewahren können.

Das Festival steht 2026 unter dem Motto „SO BRITISH!“ und widmet sich zwei Jahrhunderten britischer Fotografie. Gleichzeitig erinnert es an zwei Persönlichkeiten, die auf ganz unterschiedliche Weise unseren Blick auf die Welt verändert haben: Jane Goodall und Martin Parr.

Schon der Auftakt machte deutlich, dass hier mehr als eine Ausstellung eröffnet wurde. Engel Mayr interpretierte God Save the King in jener rockigen Fassung, die Brian May weltberühmt machte. Festivaldirektor Lois Lammerhuber spannte anschließend einen Bogen von den Anfängen der Fotografie bis in die Gegenwart und zeigte eindrucksvoll, wie sich das Medium von einer technischen Innovation zu einer universellen Sprache entwickelt hat.

Besonders bewegend war für mich der Auftritt des 91-jährigen Sir Don McCullin. Seine Fotografien aus Kriegs- und Krisengebieten gehören zu den bedeutendsten Bilddokumenten des vergangenen Jahrhunderts. Wer ihm zuhört, merkt rasch: Seine Bilder erzählen nicht vom Krieg. Sie erzählen von Menschen. Von ihrer Würde, ihrem Leid und ihrer Hoffnung. Genau darin liegt für mich die größte Stärke guter Fotografie. Sie macht sichtbar, was wir allzu leicht übersehen.

Zwischen den offiziellen Grußworten der britischen Botschafterin Lindsay Skoll, des französischen Botschafters Matthieu Peyraud, Bürgermeisterin Carmen Jeitler-Cincelli und Landesrat Anton Kasser entstand immer wieder jene angenehme Mischung aus Ernsthaftigkeit und britischem Humor, die den Abend prägte. Gemeinsam mit Lois und Silvia Lammerhuber eröffneten sie schließlich offiziell Europas größte Open-Air-Fotogalerie.

Besonders berührt hat mich die Widmung an Jane Goodall.

Vor einigen Monaten durfte ich einen Nachruf auf Jane Goodall schreiben. Dabei wurde mir noch einmal bewusst, wie außergewöhnlich ihr Lebenswerk ist. Sie hat nicht nur unser Wissen über Schimpansen revolutioniert, sondern auch unser Verhältnis zur Natur verändert. Jane Goodall zeigte, dass wissenschaftliche Präzision und Mitgefühl keine Gegensätze sind. Im Gegenteil: Wirkliches Verstehen beginnt oft dort, wo wir bereit sind, genau hinzusehen.

Als Richard Ladkani auf der Bühne über seine jahrzehntelange Zusammenarbeit mit Jane Goodall sprach und Fotografien aus ihrem gemeinsamen Wirken zeigte, schloss sich für mich ein Kreis. Goodall verstand die Natur nie als Objekt wissenschaftlicher Untersuchung, sondern als Teil einer gemeinsamen Welt, für die wir Verantwortung tragen. Vielleicht berühren ihre Bilder deshalb bis heute so viele Menschen. Sie zeigen keine Sensationen. Sie zeigen Beziehungen.

Auch der Vortrag des UNESCO-Lehrstuhlinhabers Helmut Habersack über Wasser als Grundlage allen Lebens machte deutlich, dass Fotografie weit mehr sein kann als ästhetischer Selbstzweck. Gute Bilder können wissenschaftliche Erkenntnisse greifbar machen. Sie können Umweltzerstörung sichtbar machen, bevor sie unumkehrbar wird. Sie können Empathie wecken, wo Zahlen allein kaum jemanden erreichen.

Ein besonderer Moment war auch die Videobotschaft von Sir Brian May. Vielen ist er als Gitarrist von Queen bekannt, dabei ist er ebenso Astrophysiker und leidenschaftlicher Sammler historischer Stereofotografie. Seine Ausstellung Stereoscopic Adventures in Hell zeigt eindrucksvoll, dass Fotografie seit ihren Anfängen weit mehr war als bloße Dokumentation. Sie war immer auch Experiment, Kunstform und Ausdruck menschlicher Neugier.

Den emotionalen Höhepunkt des Abends bildete schließlich das Bilderkonzert. Während auf der Leinwand Fotografien aus den diesjährigen Ausstellungen erschienen, spielte das Orchester der Bühne Baden unter Michael Zehetner Werke der Beatles und von Queen. Als zum Abschluss Hey Jude erklang und der gesamte Saal mitsang, entstand jener seltene Augenblick, in dem Musik, Fotografie und Publikum zu einer gemeinsamen Erfahrung wurden.

Das Festival selbst verwandelt Baden bis zum Herbst in eine sieben Kilometer lange Freiluftgalerie mit rund 1.500 Fotografien. Gerade diese Offenheit begeistert mich. Kunst verschwindet hier nicht hinter den Mauern eines Museums. Sie begegnet den Menschen auf ihren täglichen Wegen. Man muss kein Kunstkenner sein. Man muss lediglich bereit sein, stehen zu bleiben und hinzusehen.

Vielleicht ist das überhaupt das Geheimnis guter Fotografie.

Sie verändert nicht die Welt.

Sie verändert unseren Blick auf die Welt.

Und manchmal genügt genau das, damit sich anschließend auch die Welt verändert.

Dieser Gedanke begleitet mich derzeit auch in einem anderen Projekt. Mit der Initiative Artificial Commons beschäftigen wir uns mit einer einfachen Frage: Wie können wir in einer Zeit generativer AI nachvollziehbar machen, wie digitale Inhalte entstanden sind? Nicht um menschliche oder künstliche Kreativität gegeneinander auszuspielen, sondern um Transparenz zu schaffen.

Je perfekter künstlich erzeugte Bilder werden, desto wichtiger wird Vertrauen. Und Vertrauen entsteht nicht durch Verbote oder Misstrauen, sondern durch Offenheit. Wer freiwillig zeigt, wie ein Bild entstanden ist, ermöglicht anderen eine informierte Entscheidung.

Während ich durch Baden ging und die ersten großformatigen Fotografien betrachtete, wurde mir bewusst, dass dieser Gedanke gar nicht neu ist. Gute Fotografie war immer transparent. Sie erzählte nicht nur etwas über ihr Motiv, sondern auch über die Haltung der Menschen hinter der Kamera.

Vielleicht würde Jane Goodall genau deshalb heute noch dieselbe Frage stellen wie vor sechzig Jahren im Gombe-Nationalpark: Schauen wir wirklich genau hin?

Das Festival La Gacilly-Baden Photo lädt uns ein, genau das zu tun.

Und vielleicht brauchen wir gerade heute nichts dringender.


Quellen

Festival La Gacilly-Baden Photo: Feierliche Eröffnung des Festival La Gacilly-Baden Photo 2026 – Ein Abend, der Maßstäbe setzte.
https://festival-lagacilly-baden.photo/news-de/feierliche-eroeffnung-des-festival-la-gacilly-baden-photo-2026-ein-abend-der-massstaebe-setzte-ein-gesamtkunstwerk-aus-fotografie-und-musik.html

Festival La Gacilly-Baden Photo – Programm und Fotograf:innen 2026
https://festival-lagacilly-baden.photo/

MeinBezirk Baden: Das Fotofestival La Gacilly-Baden wurde eröffnet und führt nach England.
https://www.meinbezirk.at/baden/c-leute/das-fotofestival-la-gacilly-baden-wurde-eroeffnet-und-fuehrt-nach-england_a8689937

Photoscala: Festival La Gacilly-Baden Photo 2026 eröffnet – Fotografie, Kultur und Umwelt.
https://www.photoscala.de/2026/06/18/festival-la-gacilly-baden-photo-2026-eroeffnet-fotografie-kultur-und-umwelt/

Stadt Baden: Festival La Gacilly-Baden Photo 2026
https://www.baden.at/

Gradert, Andreas: Nachruf auf Jane Goodall. Humanismus.at.
https://humanismus.at/nachruf-auf-jane-goodall/

Artificial Commons – Initiative für Transparenz bei digitalen Inhalten
https://artificialcommons.eu/

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