Konrad Paul Liessmann stellt die Sache auf den Kopf – und zwar gründlich.
Ach je…
Die Behauptung, die Maschine ersetze den gebildeten Menschen, ist nicht scharf gedacht, sondern schlicht falsch. Eine Maschine versteht nichts. Sie hat kein Bewusstsein, keine Verantwortung, kein Urteil. Sie produziert Antworten, mehr nicht. Bildung aber ist kein Antwortgenerator. Bildung ist die Fähigkeit, Fragen zu stellen, Zweifel auszuhalten, Widersprüche zu erkennen und Entscheidungen zu verantworten. Das kann keine KI. Punkt.
Wenn Menschen anfangen, das zu verlernen, dann liegt das nicht an der KI. Dann liegt das daran, dass sie bequem werden. Das Problem ist nicht die Maschine, sondern der Mensch, der sie falsch benutzt.
Liessmann tut so, als gäbe es nur zwei Möglichkeiten: Entweder du denkst selbst – oder die Maschine denkt für dich. Diese Gegenüberstellung ist bequem, aber dumm. Denn sie ignoriert die einzige Frage, die wirklich zählt: Wer behält die Kontrolle?
Ein Taschenrechner hat das Rechnen nicht abgeschafft. Ein Buch hat das Denken nicht ersetzt. Und eine KI nimmt dir nicht die Verantwortung ab, wenn du sie nicht freiwillig abgibst. Wer eine Antwort übernimmt, ohne sie zu prüfen, hat kein KI-Problem. Er hat ein Denkproblem.
Die nächste Schwäche: dieses Gerede vom „Prompten“. Als wäre das bloß Befehle geben, weil man selbst nichts kann. Das ist intellektuell unter Niveau. Wer eine KI sinnvoll nutzt, muss wissen, was er fragt, warum er fragt und was eine brauchbare Antwort ist. Ohne eigenes Denken ist das Ergebnis wertlos. Mit eigenem Denken wird es ein Werkzeug. Der Unterschied liegt nicht in der Maschine, sondern im Kopf davor.
Und dann dieser Satz: Wir hätten KI erfunden, weil uns der Mensch ein Ärgernis ist. Das klingt tief, ist aber nur eine Projektion. Menschen bauen Werkzeuge, um Probleme zu lösen: Zeit sparen, Fehler reduzieren, Dinge skalieren. Dass man dabei manchmal unangenehme Interaktionen vermeidet, ist ein Nebeneffekt, kein Weltbild. Wer daraus eine allgemeine Menschenverachtung ableitet, verrät mehr über sich als über die Gesellschaft.
Der eigentliche Punkt wird komplett verfehlt. Es geht nicht darum, ob KI Bildung ersetzt. Es geht darum, ob Menschen bereit sind, weiterhin Verantwortung für ihr eigenes Denken zu übernehmen. Das ist die einzige humanistische Messlatte.
Humanismus heißt: Der Mensch bleibt verantwortlich. Für das, was er denkt. Für das, was er sagt. Für das, was er tut. Auch dann, wenn er Werkzeuge benutzt. Gerade dann.
Wenn jemand eine KI nutzt, um sich Arbeit zu sparen, ist das legitim. Wenn er aufhört zu verstehen, was er tut, ist das ein Problem. Aber dieses Problem hat er selbst erzeugt. Nicht die Maschine.
Die Angst vor der KI ist oft nichts anderes als die Angst davor, dass die eigene Bequemlichkeit sichtbar wird.
Die Maschine liefert Material. Der Mensch muss daraus ein Urteil machen. Wenn er das nicht mehr tut, ist nicht die KI gescheitert – sondern er.

3 Responses
Lieber Andreas,
viel weiß ich nicht über die gegenwärtigen Möglichkeiten der KI. In diesem Feld bin ich interessierter Leser und versuche zu verstehen, warum KI-Agenten von einigen KI-Entwicklern als so gefährlich beurteilt werden, dass sie nur an ausgewählte Institutionen / Firmen geliefert wurden, um sie zu testen.
Du schreibst: „Bildung ist die Fähigkeit, Fragen zu stellen, Zweifel auszuhalten, Widersprüche zu erkennen und Entscheidungen zu verantworten. Das kann keine KI. Punkt.“
Dem vermag ich nicht gänzlich zu folgen.
Derzeit können KI bereits Fragen stellen. Sie resultieren aus dem in den unterschiedlichen Anwendungen gespeicherten Wissen. Dort erkennen sie Widersprüche, die zweifelsfrei zu Fragen führen, welches Wissen relevant ist. Mit anderen Worten, sie reagieren auf die ursprünglichen Suchanfrage des Menschen mit weitergehenden Fragen an das in KI gespeicherte Wissen. Entscheidend ist, dass die KI Software, die der Mensch benutzt mit dem weltweiten Wissen von KI vernetzt ist. Wenn ich recht informiert bin, dann schlagen KI Agenten derzeit dem suchenden Menschen eine Antwort vor, weisen aber auf die Ungenauigkeiten bzw. die Widersprüche hin. Das heißt, sie halten Zweifel aus und treffen Entscheidungen.
Einige KI Agenten beantworten bereits selbständig Anfragen, z.B. im Mail Verkehr.
Die Frage nach der Übernahme von Verantwortung vermag ich noch nicht zu beantworten, weil ich nicht weiß, inwieweit Antworten der KI zu Handlungen führen. Gelesen habe ich über Probleme, die entstehen können, wenn im Mail Verkehr durch KI geantwortet wird. Wenn die KI generierte Antwort zu Handlungen beim Empfänger der Mails führen, die vom Besitzer des Mail-Kontos so nicht gewünscht waren, aber in der Logik des KI Agenten sachlich gerechtfertigt sind. Derzeit dürfte die Verantwortung für diese KI generierten Handlungen beim Menschen liegen, der seine Entscheidungskompetenz an den KI Agenten übertragen hat. Da in der Rechtsprechung Maschinen oder Software noch keine eigenständige Entscheidungskompetenz geschweige denn Verantwortung zugebilligt wird, verantwortet der Nutzer ggf. der Entwickler die generierten Handlungen.
Hier hinkt, wie so oft, die Rechtsprechung, die Gesetzgebung der technischen Entwicklung hinterher.
Teilweise kann KI bereits heute, was du in Abrede stellst bzw. nur dem menschlichen Genius zubilligst. Für die Zukunft prognostiziere ich, dass KI auch Fragen stellen kann. Meine Annahme beruht keineswegs auf technischer Expertise, sondern eher an den Glauben an den technologischen Fortschritt. Leider ist diese Problematik der Verantwortungsübertragung, die elementare ethische Fragen aufwirft, kaum außerhalb weniger Expertenkreisen erkannt geschweige denn diskutiert. Als hier in Innsbruck eine abendliche Diskussion zu KI angeboten wurde, kamen vielleicht 8 – 10 Leute, obwohl das Podium hochkarätig besetzt war.
Bin gespannt, wie sich KI weiter entwickelt.
Herzliche Grüße
Dietger
Lieber Dietger,
du beschreibst die aktuellen Fähigkeiten von KI ziemlich treffend – aber genau an der Stelle, wo es entscheidend wird, ziehst du eine Schlussfolgerung, die so nicht trägt. Du nimmst das, was wie Denken aussieht, für Denken selbst.
Ja, KI kann Fragen formulieren. Aber sie stellt sie nicht, weil sie etwas wissen will. Sie hat kein Nicht-Wissen, kein Interesse, kein Ziel im eigenen Sinn. Sie erzeugt Fragen, weil sie statistisch gut in den Kontext passen. Das Ergebnis kann sinnvoll sein – aber der Prozess dahinter ist ein völlig anderer. Es ist Simulation, kein Verstehen.
Dasselbe gilt für Widersprüche und Zweifel. Eine KI kann Inkonsistenzen erkennen, weil sie Muster vergleicht. Aber Zweifel ist mehr als das. Zweifel bedeutet, Unsicherheit auszuhalten und trotzdem entscheiden zu müssen. Eine Maschine hat keine Unsicherheit, weil sie nichts zu verlieren hat. Sie berechnet Wahrscheinlichkeiten, aber sie erlebt keinen Zweifel.
Der entscheidende Punkt ist für mich die Frage der Verantwortung. Du sprichst sie selbst an – und genau dort klärt sich alles. Solange die Verantwortung beim Menschen bleibt, ist auch die Entscheidung beim Menschen. Wenn ein KI-Agent eine Mail beantwortet, dann führt er eine Operation aus. Die Entscheidung im eigentlichen Sinn trifft derjenige, der dieses System einsetzt und die Konsequenzen trägt.
Deshalb überzeugt mich auch die Formulierung „die KI kann das schon teilweise“ nicht. Sie kann vieles, was wie Denken aussieht: Fragen generieren, Antworten vorschlagen, Unsicherheiten markieren. Aber sie kann nicht verstehen, warum eine Frage relevant ist, sie kann nicht bewerten, was ein Widerspruch bedeutet, und sie kann keine Verantwortung übernehmen. Das ist kein Entwicklungsstand, der „bald aufgeholt“ wird, sondern eine grundsätzliche Differenz.
Wo ich dir zustimme, ist an einem anderen Punkt: Wir sehen gerade, wie Menschen beginnen, Entscheidungen an Systeme zu delegieren, ohne die Folgen wirklich zu durchdenken. Das ist tatsächlich heikel. Aber das Problem ist nicht, dass KI Verantwortung übernimmt – sondern dass Menschen so tun, als könnten sie ihre eigene Verantwortung abgeben. Das funktioniert nicht. Sie bleibt bei ihnen, rechtlich wie moralisch.
Auch die Vorsicht bei KI-Agenten erklärt sich aus diesem Zusammenhang. Die Systeme sind skalierbar, schnell und in vielen Kontexten nicht wirklich „verstehend“. Fehler wirken dann nicht punktuell, sondern in Serie. Das ist ein Kontrollproblem, kein Hinweis darauf, dass hier ein eigenständig handelndes Gegenüber entsteht.
Für mich lässt sich das relativ klar zusammenfassen: KI kann den Anschein von Bildung erzeugen. Bildung selbst – im Sinn von Verstehen, Zweifeln, Urteilen und Verantwortung – bleibt an den Menschen gebunden.
Die eigentliche Frage ist daher nicht, was KI kann oder noch können wird. Sondern ob wir als Nutzer bereit sind, diesen Unterschied ernst zu nehmen – oder ob wir anfangen, uns selbst aus der Verantwortung zu verabschieden.
Herzliche Grüße
Andreas
Nun, ich dachte mir das mit der Verantwortung schon von Beginn an, deshalb bin ich überrascht, dass oft sehr intelligente Menschen diesen Aspekt zu wenig beachten und so einer „mechanisch“ agierenden Kraft in moralischen & künsterischen Belangen Vertrauen entgegenbringen.