Die braune Wiese ist nicht das eigentliche Problem – das Problem der Trockenheit kommt erst noch
Seit acht Wochen reden wir über Hitze, Dürre, ausgetrocknete Böden und braune Wiesen. Man sieht die Folgen inzwischen überall. Was man aber nicht sieht, ist möglicherweise das größere Problem: das Futter, das im kommenden Winter fehlen wird.
Wer Tiere auf Weiden hält, denkt nicht nur an den heutigen Tag. Eine Herde muss heute fressen, morgen, im Oktober und genauso im Jänner. Futterwirtschaft funktioniert deshalb immer mit einem Blick Monate voraus. Im Sommer wird nicht nur das produziert, was gerade gebraucht wird. Ein wesentlicher Teil dessen, was jetzt auf unseren Wiesen wachsen sollte, müsste als Heu oder Silage später den Winter überbrücken.
Genau diese Rechnung gerät derzeit ins Wanken. Wenn auf einer ausgetrockneten Weide nichts mehr nachwächst, fehlt zunächst einmal das Futter für heute. Tiere müssen früher zugefüttert oder auf andere Flächen gebracht werden. Gleichzeitig fehlen aber auch die nächsten Schnitte auf den Wiesen. Ein zweiter oder dritter Schnitt fällt geringer aus, manchmal praktisch vollständig. Ackergras, Klee oder andere Futterpflanzen entwickeln sich schlecht. Und während weniger neues Winterfutter produziert werden kann, werden auf manchen Betrieben bereits jetzt Reserven verfüttert, die eigentlich für November, Dezember oder Jänner vorgesehen waren.
Wir erleben das inzwischen selbst ganz konkret. Mehrere Beweidungen mussten wir unterbrechen, weil auf den Flächen schlicht kein ausreichendes Futter mehr vorhanden war. Die Tiere stehen deshalb wieder auf unserer Mutterweide. Dort reicht der derzeitige Aufwuchs voraussichtlich noch ungefähr einen Monat. Danach wird auch für uns die Frage der Zufütterung wesentlich dringlicher.
Und genau damit kommt das nächste Problem: Heu ist nicht einfach jederzeit in beliebiger Menge verfügbar. Wir hatten Glück und konnten noch zwölf Rundballen mit jeweils rund 480 Kilogramm zum bisherigen Preis zukaufen. Das sind fast sechs Tonnen Heu. Inzwischen liegt der Preis für vergleichbares Futter mehr als doppelt so hoch, von 0,24 Euro auf 0,65 Euro pro Kilogramm.
Das zeigt sehr anschaulich, was hinter dem abstrakten Begriff Futterknappheit steckt. Es geht nicht nur darum, ob irgendwo noch Heu zu bekommen ist. Entscheidend ist auch, zu welchem Preis und in welcher Menge. Wenn viele Tierhalter gleichzeitig zukaufen müssen, während gleichzeitig weniger Heu geerntet wird, verändert sich der Markt sehr schnell. Die Tiere brauchen trotzdem jeden Tag Futter. Man kann eine Herde nicht auf Pause stellen, bis es wieder regnet oder die Preise sinken.
So entsteht eine Futterlücke von zwei Seiten: Auf der einen Seite wächst weniger nach. Auf der anderen Seite werden Reserven früher verbraucht. Aus der Praxis hören wir inzwischen noch eine weitere Sorge: Tierhalter:innen berichten davon, dass vorhandene Futterbestände teilweise gar nicht oder nur zurückhaltend auf den Markt kommen, weil mit weiter steigenden Preisen im Herbst und Winter gerechnet wird. Ob und in welchem Umfang Futter tatsächlich bewusst zurückgehalten wird, lässt sich schwer belegen. Die Wirkung einer knappen Ware ist aber dieselbe: Wer dringend Heu braucht, muss zunehmend höhere Preise akzeptieren.
Damit wird Tierhaltung immer stärker auch zu einer Frage der finanziellen Möglichkeiten. Wer genügend Reserven hat, kann steigende Futterkosten vielleicht einige Zeit auffangen. Andere müssen Schulden aufnehmen, Tierbestände reduzieren oder irgendwann entscheiden, ob sie die Tierhaltung überhaupt noch weiterführen können.
Geli, die seit 28 Jahren Großtiere hält, beschreibt genau diese Entwicklung aus ihrer eigenen Erfahrung. Sie hätte sich nie vorstellen können, einmal vor einer solchen Situation zu stehen. Auch sie und ihr Partner werden möglicherweise zu gegebener Zeit entscheiden müssen, wie lange sie ihre Tierhaltung unter diesen Bedingungen noch aufrechterhalten können. Ihre Sorge geht aber noch weiter: Sie beobachtet, dass vorhandene Futterbestände teilweise zurückgehalten werden und befürchtet, dass dadurch im Spätherbst und Winter noch wesentlich höhere Preise entstehen könnten. Für Tierhalter:innen ohne große finanzielle Reserven wird die Situation damit immer schwieriger. Irgendwann steht dann nicht mehr nur die Frage im Raum, wie teuer das Futter ist, sondern ob man die Tierhaltung überhaupt noch finanzieren kann.
Österreich erlebt 2026 keine gewöhnliche trockene Phase. Das erste Halbjahr war nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums das zweittrockenste seit Beginn der Messungen. In Niederösterreich, Oberösterreich und Salzburg wurde sogar das trockenste erste Halbjahr überhaupt verzeichnet. Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig und Landwirtschaftskammerpräsident Josef Moosbrugger sprechen von einer historischen Belastungsprobe für die Landwirtschaft.
Bei Heu drohen regional erhebliche Ausfälle. Viele Betriebe greifen bereits auf Winterfutter zurück, obwohl der Winter noch Monate entfernt ist. Gleichzeitig wird der notwendige Zukauf schwieriger und teurer, weil die Trockenheit nicht an der österreichischen Grenze endet, sondern weite Teile Europas betrifft.
Das ist der Punkt, der mir in der öffentlichen Diskussion oft fehlt. Eine braune Wiese sieht jeder. Den Heuballen, der im Jänner fehlen wird, sieht heute niemand. Für uns ist er trotzdem real.
Das Problem verschiebt sich damit nur zeitlich. Was heute aus dem Winterlager genommen wird, fehlt später dort. Und man kann eine Herde nicht auf Pause stellen. Unsere Schafe brauchen jeden Tag Futter. Dasselbe gilt für Rinder, Ziegen, Pferde und andere Weidetiere. Wenn eine Wiese nichts mehr hergibt, kann man nicht sagen: Wir warten jetzt drei Wochen auf Regen. Die Tiere müssen weiter versorgt werden.
Natürlich kann man Futter zukaufen. Solange welches verfügbar ist. Aber genau da beginnt das nächste Problem. Wenn viele Betriebe gleichzeitig zukaufen müssen und gleichzeitig in mehreren Regionen weniger Heu und Silage produziert werden, steigen Nachfrage, Transportwege und Preise. Aus einem Problem einzelner Betriebe wird dann ein regionales und schließlich ein grenzüberschreitendes Problem.
Wie weit eine solche Entwicklung gehen kann, zeigt derzeit Baden-Württemberg. Dort wurde Anfang August für ökologische Tierhaltungsbetriebe der Katastrophenfall im Sinne des europäischen Ökorechts anerkannt. Das klingt zunächst dramatischer, als die Regelung juristisch ist: Es handelt sich nicht um einen allgemeinen Katastrophenalarm. Vielmehr ermöglicht die Entscheidung betroffenen Bio-Betrieben unter bestimmten Voraussetzungen, für ihre Raufutterfresser auch konventionell erzeugtes Rau- und Feldfutter einzusetzen, wenn ökologisches Futter nicht mehr ausreichend verfügbar ist. Aber allein die Tatsache, dass eine solche Ausnahme notwendig geworden ist, sollte zu denken geben.
Österreich ist nicht Baden-Württemberg. Trotzdem wäre es falsch, solche Entwicklungen lediglich als Nachrichten aus dem Nachbarland zu betrachten. Die Ausgangslage ist dieselbe: zu wenig Niederschlag, zu geringe Grünlanderträge, fehlende Folgeschnitte und Tiere, deren täglicher Futterbedarf unabhängig vom Wetter bestehen bleibt.
Und noch etwas wird leicht übersehen: Die Schäden dieses Sommers verschwinden nicht automatisch mit dem nächsten Regen. Was auf einer Wiese heuer vertrocknet oder dauerhaft geschädigt wurde, steht im kommenden Frühjahr nicht einfach wieder in derselben Menge und Qualität zur Verfügung. Stark geschädigte Grünlandbestände müssen saniert, lückige Wiesen nachgesät werden.
Aber auch Nachsaat ist keine Wunderlösung. Saatgut kostet Geld. Und auch Saatgut braucht Wasser. Es reicht nicht, Gras nachzusäen und darauf zu hoffen, dass damit das Problem erledigt ist. Die jungen Pflanzen müssen keimen, Wurzeln bilden und sich etablieren können. Bleibt es wieder trocken, kann die Nachsaat schlecht auflaufen oder nach dem Keimen erneut vertrocknen.
Damit kann aus dem Futterproblem dieses Sommers sehr schnell ein Problem des nächsten Jahres werden. Was 2026 nicht gewachsen ist, fehlt zunächst in den Futterlagern. Was auf den Wiesen dauerhaft geschädigt wurde, muss 2027 erst wieder aufgebaut werden. Und auch dafür braucht es Geld, Saatgut – und vor allem Wasser.
Trockenheit und Hitze sind deshalb längst nicht nur ein Problem der Weidetierhaltung. Auch der Ackerbau ist betroffen. Wenn Getreide, Mais, Soja oder andere Kulturen wegen Trockenstress deutlich weniger Ertrag bringen, schlägt sich das ebenfalls in Preisen und Verfügbarkeit nieder. Gleichzeitig betrifft die Trockenheit auch jene Kulturen, die nach der Ernte ausgesät werden, um den Boden über Herbst und Winter zu schützen.
Eine Begrünung kann ihre Funktion nur erfüllen, wenn sie überhaupt wächst. Wenn die Nachsaat keimt und anschließend vertrocknet, fehlt nicht nur die Pflanze. Es fehlt auch ihre Wirkung: Bodenbedeckung, Verdunstungsschutz, Erosionsschutz, Durchwurzelung und der Schutz des Bodenlebens.
Damit entsteht ein Kreislauf, der sich selbst verstärken kann: weniger Wasser, weniger Vegetation, weniger Schutz des Bodens – und damit noch größere Empfindlichkeit gegenüber der nächsten Hitze- oder Trockenperiode.
Eine weitere Folge zeigt sich bei den Tierbeständen. Wenn Futter knapp und teuer wird, rechnen Betriebe zwangsläufig neu. Welche Tiere können durchgefüttert werden? Welche Tiere können wirtschaftlich gehalten werden? Welche Tiere müssen früher verkauft werden?
Was geht, wird dann teilweise zum Schlachthof gebracht. Kurzfristig kann genau das paradoxerweise zu sinkenden Erzeugerpreisen führen: Wenn viele Betriebe gleichzeitig Tiere abgeben, steigt das Angebot, obwohl die Ursache eigentlich eine Knappheit ist. Für Tierhalter ist das besonders bitter. Sie geben Tiere ab, weil sie die Futterkosten nicht mehr tragen können – und bekommen gleichzeitig für diese Tiere möglicherweise weniger Geld.
Langfristig kann die Rechnung genau in die andere Richtung ausschlagen. Wenn heute Mutterkühe, Zuchttiere und ganze Bestände reduziert werden, fehlen diese Tiere in den kommenden Jahren. Ein Rinderbestand lässt sich nicht innerhalb weniger Monate wieder aufbauen. Weniger Muttertiere bedeuten später weniger Kälber und damit zeitversetzt auch weniger heimisches Rindfleisch.
Ob daraus bereits im kommenden Jahr ein tatsächlicher Fleischmangel entsteht, lässt sich heute seriös nicht vorhersagen. Aber eines ist klar: Wenn die heimische Produktion sinkt, bleiben letztlich nur wenige Möglichkeiten. Die Preise steigen, der Konsum geht zurück oder fehlende Mengen werden importiert.
Gerade in Österreich kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu. Weidetierhaltung ist nicht nur Lebensmittelproduktion. Schafe, Ziegen und Rinder erhalten Kulturlandschaften, beweiden Flächen, die maschinell nur schwer oder gar nicht bewirtschaftet werden können, halten Vegetation zurück und tragen zur Pflege von Almen, Trockenrasen, Dämmen und anderen ökologisch wertvollen Flächen bei. Extensive Beweidung kann Teil des Naturschutzes und der Biodiversitätspflege sein.
Wir wollen solche Formen der Landwirtschaft – zu Recht. Dann müssen wir aber auch darüber sprechen, was passiert, wenn genau diese Tierhaltungen durch mehrere trockene Jahre wirtschaftlich immer schwieriger werden.
Schaf- und Ziegenhalter:innen haben dabei gegenüber Rinderhaltungen in mancher Hinsicht noch einen kleinen Vorteil. Schafe und Ziegen können mit kargeren Flächen und vielfältigeren Pflanzenbeständen oft besser umgehen. Sie sind flexibler einsetzbar, benötigen pro Tier weniger Futter als ein Rind und Bestände lassen sich grundsätzlich schneller wieder aufbauen.
Man kommt mit Schafen und Ziegen durch schlechte Jahre deshalb manchmal etwas besser. Oder vielleicht richtiger gesagt: weniger schlecht. Denn auch ein Schaf kann nichts fressen, was nicht gewachsen ist. Und auch ein Schaf braucht im Winter Heu.
Wenn sich der Preis innerhalb kurzer Zeit mehr als verdoppelt, während gleichzeitig mehr zugefüttert werden muss als ursprünglich vorgesehen, wird daraus sehr schnell eine betriebswirtschaftliche Frage. Dann lautet sie irgendwann: Wie lange können wir das noch auffangen?
Und für größere Betriebe kann daraus sehr rasch die Frage werden, ob Tierbestände reduziert werden müssen. Wer einmal Tiere abgegeben, eine Herde verkleinert oder eine Tierhaltung vollständig aufgegeben hat, baut sie nicht automatisch im nächsten regenreichen Jahr wieder auf.
Das ist für mich der Punkt, an dem die Diskussion über Trockenheit weit über Wetter hinausgeht. Es geht um die Widerstandsfähigkeit unserer Landwirtschaft. Es geht darum, wie wir Futterreserven organisieren, wie regionale Futterbörsen funktionieren können, wie Betriebe in außergewöhnlichen Jahren rasch unterstützt werden und ob Förder- und Auszahlungssysteme schnell genug reagieren, wenn Liquidität nicht irgendwann im Dezember, sondern jetzt benötigt wird.
Es geht darum, wie wir mit geschädigtem Grünland umgehen, wie wir Nachsaat finanzieren und wie wir dafür sorgen, dass Wasser dort bleibt, wo es gebraucht wird. Es geht um die Frage, wie viele Tierhalter:innen nach mehreren solchen Jahren überhaupt noch Tiere halten werden. Und es geht auch darum, Landwirtschafts- und Klimapolitik nicht getrennt voneinander zu betrachten.
Ein trockener Sommer ist zunächst Wetter. Wenn aber extreme Trockenperioden häufiger werden, verändert das dauerhaft die Bedingungen, unter denen Landwirtschaft und Tierhaltung funktionieren müssen. Dann reicht es nicht mehr, nach jeder Dürre über einzelne Hilfsmaßnahmen zu diskutieren. Dann müssen wir darüber reden, wie Grünlandbewirtschaftung, Wassermanagement, Futterproduktion, Tierbestände, Bodenpflege und Landschaftsschutz unter diesen Bedingungen langfristig funktionieren können.
Denn die Kette ist inzwischen ziemlich einfach zu beschreiben: Es fehlt Wasser. Dann fehlt der Aufwuchs. Dann fehlt das Heu. Dann steigen die Futterkosten. Dann werden Tiere verkauft. Dann fehlen im nächsten Jahr Tierbestände und Nachzucht. Gleichzeitig müssen geschädigte Wiesen saniert und nachgesät werden. Auch diese Nachsaat braucht wieder Wasser. Und irgendwann kommen die Folgen dort an, wo sie erstmals wirklich viele Menschen bemerken: beim Preis und bei der Herkunft unserer Lebensmittel.
Für uns als Tierhalter bleibt zunächst etwas sehr Konkretes. Wir schauen auf unsere Flächen. Wir schauen auf das, was noch nachwächst. Wir rechnen Futtervorräte. Wir rechnen inzwischen auch Ballen. Wir überlegen, welche Flächen noch genutzt werden können und wie lange die Mutterweide trägt. Und wir hoffen auf Regen.
Aber Regen allein macht nicht rückgängig, was in den vergangenen Wochen nicht gewachsen ist. Ein verlorener Schnitt bleibt ein verlorener Schnitt. Eine geschädigte Wiese braucht Zeit, um sich zu erholen. Ein verkleinerter Tierbestand ist nicht im nächsten Frühjahr wieder da.
Deshalb sollten wir über die Folgen der Trockenheit nicht erst sprechen, wenn im Winter die Scheunen leer werden oder im kommenden Jahr die Preise steigen.
Denn Futtermangel beginnt nicht dann, wenn kein Heu mehr da ist. Er beginnt Monate vorher auf einer Wiese, auf der nichts mehr wächst.

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