Für Jupp.
Mein langjähriger Freund und Kamerad (im eigentlichen Sinne – wir waren zusammen bei der Bundeswehr) Hans Josef Schöneberger steht bei der szenischen und musikalischen Lesung von Jakob der Lügner als Sprecher auf der Bühne — angefragt von Kerstin Weiß, die Idee, Textbearbeitung, Organisation und künstlerische Umsetzung der Produktion verantwortet. Gemeinsam mit ihr ist er im Netzwerk Feindsender 2.0 organisiert, assistiert wurde die Umsetzung zudem von Lisa Parise. Entstanden ist damit kein gewöhnlicher Literaturabend, sondern eine eindringliche künstlerische Auseinandersetzung mit einem der unbequemsten und zugleich menschlichsten Werke der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur. Einen Roman, der nicht fragt, ob Menschen perfekt handeln können, sondern ob es unter Bedingungen organisierter Entmenschlichung überhaupt noch möglich ist, menschlich zu bleiben.
Die Ausgangslage des Romans ist ebenso schlicht wie erschütternd. Ein jüdisches Ghetto irgendwo in Polen. Deportationen. Angst. Hunger. Die permanente Unsicherheit darüber, wer morgen noch leben wird. Hoffnung existiert kaum noch. Zukunft ist kein realistischer Gedanke mehr, sondern fast schon eine gefährliche Illusion. Und genau in dieser Atmosphäre beginnt Jakob zu lügen.
Er behauptet, ein Radio zu besitzen. Er erzählt von Meldungen über die näher rückende Rote Armee. Von möglichen Frontverschiebungen. Von einer Befreiung, die vielleicht nicht mehr völlig ausgeschlossen ist. Dabei weiß er selbst, dass diese Nachrichten erfunden sind. Ein Radio im Ghetto zu besitzen würde Lebensgefahr bedeuten. Doch Jakob erzählt weiter. Nicht aus Eigennutz. Nicht aus Machtstreben. Nicht, um sich Vorteile zu verschaffen. Sondern weil er erkennt, dass seine Lügen etwas bewirken, das im Ghetto beinahe vollständig zerstört wurde: Hoffnung.
Menschen beginnen wieder zu reden. Nicht nur über den nächsten Tag, sondern über eine Zeit danach. Über Arbeit. Über Beziehungen. Über Hochzeiten. Über Schulden. Über ein mögliches Weiterleben. Selbst Verzweiflung und Resignation verändern sich. Psychologisch betrachtet wirkt Jakobs erfundene Hoffnung wie ein Gegenmittel gegen den vollständigen inneren Zusammenbruch.
Und genau dort wird der Roman ethisch so schwierig und gleichzeitig so bedeutend. Denn plötzlich geraten zwei Werte miteinander in Konflikt, die wir normalerweise gar nicht gegeneinander ausspielen möchten: Wahrheit und Menschlichkeit.
Ein strenger moralischer Absolutismus würde sagen: Lügen bleibt falsch. Immer. Ohne Ausnahme. Punkt. Aber genau diese einfache Sicherheit nimmt uns Jurek Becker. Der Roman zwingt uns dazu, über Moral unter extremen Bedingungen nachzudenken. Nicht unter normalen gesellschaftlichen Umständen, sondern innerhalb eines Systems, das selbst vollständig auf Terror, Erniedrigung und organisierter Lüge aufgebaut ist.
Denn was bedeutet Wahrheit noch innerhalb eines Vernichtungssystems? Was bedeutet moralische Reinheit dort, wo Menschen nicht nur körperlich, sondern auch psychisch zerstört werden sollen? Was passiert, wenn die ehrliche Wahrheit nicht mehr aufklärend wirkt, sondern nur noch Hoffnungslosigkeit produziert?
Das sind keine angenehmen Fragen. Genau deshalb wirkt der Roman bis heute so stark.
Aus humanistischer Sicht liegt darin vielleicht sogar sein eigentlicher Kern. Denn Humanismus bedeutet nicht bloß das mechanische Befolgen abstrakter Regeln. Im Zentrum steht der konkrete Mensch. Sein Leid. Seine Würde. Seine Fähigkeit, trotz allem noch als Mensch behandelt zu werden. Jakobs Handeln entsteht nicht aus Ideologie, nicht aus religiösem Gebot und nicht aus politischer Theorie. Es entsteht aus Verantwortung gegenüber anderen Menschen.
Gerade deshalb funktioniert Jakob nicht als klassischer Held. Er handelt nicht rein. Er zweifelt. Er trägt Schuldgefühle. Seine Lüge entwickelt Dynamiken, die er selbst nicht mehr kontrollieren kann. Hoffnung kann Menschen stärken — aber sie kann auch dazu führen, dass Entscheidungen auf Grundlage einer Unwahrheit getroffen werden. Becker macht es sich nie leicht. Und genau dadurch verweigert der Roman jede einfache moralische Erlösung.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Größe dieser Geschichte: Sie zeigt, dass Menschlichkeit unter unmenschlichen Bedingungen selten sauber aussieht.
Besonders spannend wird der Roman dort, wo man ihn mit den Menschenrechten zusammendenkt.
Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte entstand nicht aus philosophischer Gemütlichkeit heraus, sondern als Reaktion auf Nationalsozialismus, Shoah und die Erfahrung totalitärer Entmenschlichung. Deshalb beginnt sie nicht mit Staat, Eigentum oder Autorität, sondern mit der Würde des Menschen. Der historische Kern der Menschenrechte ist die Erkenntnis, dass Menschen nicht nur körperlich vernichtet werden können, sondern auch psychisch, sozial und moralisch zerstört werden.
Und genau gegen diese Zerstörung stemmt sich Jakob.
Er verteidigt keinen Staat. Keine Ideologie. Kein System. Er versucht lediglich, einen Rest menschlicher Existenz aufrechtzuerhalten. Seine erfundenen Radionachrichten geben Menschen wieder Zukunft. Und Zukunft ist in solchen Situationen weit mehr als Optimismus. Zukunft bedeutet Identität. Bedeutung. Die Fähigkeit, sich selbst noch als Mensch wahrzunehmen.
Gerade deshalb berührt der Roman unmittelbar den menschenrechtlichen Kern der Frage, was ein Mensch überhaupt braucht, um Mensch bleiben zu können.
Natürlich legitimieren Menschenrechte nicht einfach jede Lüge. Wahrheit bleibt eine zentrale Voraussetzung freier Gesellschaften. Auch Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und freie Meinungsbildung funktionieren letztlich nur dort, wo Menschen Zugang zu Wahrheit haben. Aber Jakob der Lügner stellt eine viel unangenehmere Grenzfrage: Was geschieht, wenn Wahrheit innerhalb eines totalitären Systems selbst nur noch Teil des Terrors geworden ist? Wenn Hoffnungslosigkeit zur Waffe gemacht wird?
Genau dort wird Jakobs Figur so menschlich. Nicht weil sie moralisch perfekt wäre. Sondern weil sie versucht, in einer Welt organisierter Unmenschlichkeit einen kleinen Rest Menschlichkeit zu bewahren.
Und vielleicht liegt genau darin auch die bleibende Aktualität dieses Romans. Denn Entmenschlichung beginnt selten erst mit Gewalt. Sie beginnt dort, wo Menschen einander nur noch als Funktionen, Gruppen, Gegner oder Zahlen betrachten. Wo Hoffnung zerstört wird. Wo Würde relativiert wird. Wo Menschen psychisch gebrochen werden sollen.
Jakob der Lügner erinnert daran, dass Menschlichkeit manchmal nicht in großen Heldentaten sichtbar wird, sondern in kleinen Handlungen gegen die Hoffnungslosigkeit. Genau deshalb wirkt dieser Roman auch mehr als fünfzig Jahre nach seinem Erscheinen noch so verstörend aktuell.




Die Fotos des Ensembles hat Lisa Parise während der Proben gemacht.
Das Foto vom Staatsarchiv hat Hans Josef Schöneberger gemacht.

No responses yet