„Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“ – warum ich das nicht akzeptiere
Ich weigere mich, diesen Satz als Beschreibung von Menschen hinzunehmen. Nicht, weil ich blind wäre für Gewalt, Egoismus oder Grausamkeit, sondern weil ich täglich sehe, wie verkürzt und bequem diese Behauptung ist. „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“ klingt hart, realistisch, abgeklärt. In Wahrheit ist es ein Satz, der aufgibt.
Wenn ich ihn ernst nähme, müsste ich glauben, dass Mitgefühl nur Fassade ist, dass Solidarität Ausnahme bleibt und dass Hoffnung naiv ist. Dann wäre jede soziale Errungenschaft bloß ein fragiles Wunder, das jederzeit zusammenbrechen muss. Das entspricht weder meiner Erfahrung noch meinem Menschenbild.
Ich sehe Menschen, die füreinander sorgen, oft leise, oft unbeachtet. Menschen, die helfen, ohne dafür belohnt zu werden. Menschen, die Verantwortung übernehmen, obwohl sie davon keinen Vorteil haben. All das verschwindet aus dem Blick, sobald man den Wolf zum Maßstab macht.
Dieser Satz entschuldigt zu viel. Er entschuldigt Härte, Ungleichheit, Machtmissbrauch. Er sagt, so seien Menschen eben, und entbindet damit von der Pflicht, bessere Bedingungen zu schaffen. Ich halte das für gefährlich. Nicht, weil Menschen gut sind, sondern weil sie formbar sind. Angst, Mangel und Entwürdigung machen grausam. Sicherheit, Bildung und Würde machen solidarisch.
Meine Hoffnung ist keine romantische Illusion. Sie gründet auf Vernunft. Menschen sind fähig, ihr Verhalten zu reflektieren, Regeln zu verändern, Verantwortung zu übernehmen. Genau das unterscheidet uns von Raubtieren und auch von dem Menschenbild, das uns auf Raubtiere reduziert.
Ich glaube nicht, dass der Mensch von Natur aus gut ist. Aber ich glaube entschieden, dass er mehr ist als sein schlimmster Zustand. Und ich glaube, dass es unsere Aufgabe ist, Strukturen zu schaffen, in denen das Bessere möglich wird.
Darum sage ich, nicht trotzig, sondern bewusst. Der Mensch ist dem Menschen nicht der Wolf. Er ist dem Menschen eine Aufgabe.
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