…und nicht als Atheist oder Agnostiker
Ich werde immer wieder gefragt, warum ich mich selbst nicht einfach als Atheist oder Agnostiker bezeichne. Inhaltlich wäre beides nicht falsch. Ich habe keinen Gottesglauben, und ich halte metaphysische Gewissheiten für menschliche Projektionen. Trotzdem sage ich von mir: Ich bin konfessionsfrei. Nicht aus Verlegenheit, sondern aus Überzeugung.
Gerade in Österreich ist diese Selbstbezeichnung keine Nebensache, sondern eine politische und gesellschaftliche Position.
Atheismus erklärt mich – Konfessionsfreiheit schützt mich
Atheismus und Agnostizismus sagen etwas über meine innere Haltung aus. Sie beschreiben, was ich glaube oder nicht glaube. Das mag philosophisch interessant sein, ist aber im Alltag erstaunlich folgenlos. Der Staat interessiert sich nicht für meine metaphysischen Zweifel – die Kirchen hingegen sehr wohl für meine Mitgliedschaft.
Konfessionsfreiheit ist deshalb für mich der entscheidende Begriff. Sie beschreibt nicht mein Weltbild, sondern mein Verhältnis zu religiösen Institutionen. Und genau dort liegt in Österreich das eigentliche Problem.
Der Kirchenbeitrag: Warum „konfessionsfrei“ konkret Geld bedeutet
In kaum einem anderen Bereich wird der Unterschied so greifbar wie beim Kirchenbeitrag. In Österreich reicht es nicht, nicht zu glauben. Solange man formell Mitglied einer Kirche ist, gilt man als beitragspflichtig – unabhängig davon, ob man religiös lebt, glaubt oder denkt.
Ich kenne viele Menschen, die sich selbst als Atheisten bezeichnen, aber dennoch Kirchenbeitrag zahlen. Nicht aus Überzeugung, sondern aus Unwissenheit, Bequemlichkeit oder Konfliktscheu. Genau hier zeigt sich die Schwäche des Atheismusbegriffs im Alltag: Er hat keine rechtliche Wirkung.
Erst der formale Schritt zur Konfessionsfreiheit beendet:
- die Beitragspflicht,
- die kirchliche Zuständigkeit,
- den automatischen Zugriff religiöser Organisationen auf meine Daten.
Konfessionsfreiheit ist kein Gefühl – sie ist ein Rechtsstatus.
Religionsunterricht: Neutralität nur auf dem Papier
Ein zweiter zentraler Punkt ist der Religionsunterricht an öffentlichen Schulen. Österreich leistet sich bis heute ein System, in dem konfessioneller Religionsunterricht Teil des regulären Stundenplans ist – finanziert vom Staat, organisiert von Kirchen.
Für konfessionsfreie Kinder gibt es formal eine Abmeldung, praktisch aber oft ein Stigma. „Freistunde“, „Ersatzbetreuung“, organisatorische Improvisation. Ethikunterricht existiert zwar, wird aber noch immer wie ein Lückenfüller behandelt – nicht wie das, was er sein sollte: ein weltanschaulich neutraler Raum für alle.
Als konfessionsfreier Mensch sage ich bewusst:
Ich will nicht, dass öffentliche Bildung an religiöse Zugehörigkeit gekoppelt ist.
Ich will nicht, dass Ethik als Ersatz für „die ohne Glauben“ gilt.
Und ich will nicht, dass Kirchen definieren, was moralische Bildung ist.
Das ist keine atheistische Forderung. Das ist eine säkulare.
Warum ich keine Gottesdebatten führen will
Sobald ich mich als Atheist bezeichne, verschiebt sich das Gespräch. Plötzlich geht es um Gottesbeweise, um letzte Wahrheiten, um metaphysische Grenzfragen. Das ist legitim – aber es ist nicht der Punkt.
Mein Problem mit den Kirchen in Österreich ist nicht, dass sie an Gott glauben.
Mein Problem ist, dass sie:
- Sonderrechte genießen,
- staatliche Aufgaben übernehmen,
- gesellschaftliche Moralhoheit beanspruchen,
- und dabei so tun, als hätten sie die Ethik gepachtet.
Als konfessionsfreier Mensch muss ich mich dafür nicht rechtfertigen. Ich schulde niemandem eine Erklärung für mein Nicht-Mitgliedsein. Konfessionsfreiheit ist ein Grundrecht, kein Bekenntnis.
Humanismus heißt nicht „gegen Religion“, sondern „ohne Vormundschaft“
Mir ist wichtig zu betonen: Konfessionsfreiheit ist keine Kampfansage an gläubige Menschen. Sie ist eine Absage an institutionelle Bevormundung. Humanismus bedeutet für mich, dass Menschen ihre Werte selbst begründen – aus Vernunft, Mitgefühl und Verantwortung, nicht aus Autorität.
Gerade deshalb ist der Begriff atheistisch oft unglücklich. Er klingt nach Negation, nach Abwehr, nach Gegenposition. Konfessionsfrei dagegen beschreibt etwas Positives: Freiheit von institutioneller Bindung.
Konfessionsfreiheit ist meine ehrlichere Selbstbeschreibung
Ich nenne mich konfessionsfrei, weil:
- es meine reale Lebenssituation beschreibt,
- es rechtliche Konsequenzen hat,
- es politisch anschlussfähig ist,
- und weil es den Fokus auf Macht, Privilegien und Gleichbehandlung legt.
Ob ich zusätzlich atheistisch oder agnostisch denke, ist meine private Angelegenheit. Entscheidend ist, dass ich keiner Kirche erlaube, über Bildung, Geld oder Moral in meinem Namen zu verfügen.
In einem säkularen Staat sollte das selbstverständlich sein, in Österreich ist es das noch immer nicht, und genau deshalb sage ich es so deutlich:
Ich bin konfessionsfrei.
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