CRIF, der Algorithmus-Gott | Update

Foto: AP/Geert Vanden Wijngaert

Wie man Menschenwürde automatisiert

Stell dir vor, du wachst auf und jemand hat beschlossen, dass du ein Risiko bist. Du weißt nicht wer, du weißt nicht warum, und du kannst es auch nicht ändern. Willkommen im scorifizierten Österreich – wo deine Kreditwürdigkeit nicht durch dein Verhalten bestimmt wird, sondern durch deine Postleitzahl, dein Alter und das große Nichts.

Dank des österreichischen Ablegers der Firma CRIF, einem Unternehmen mit dem Charme eines Datenstaubsaugers und dem Gewissen eines Algorithmus, werden fast alle Menschen in Österreich mit einem Score versehen. Nein, nicht weil sie sich beworben haben. Sondern einfach, weil es geht.

CRIF macht: Daten. Punkt.

Du hast nie mit CRIF gesprochen? Dumm gelaufen. CRIF weiß trotzdem, wo du wohnst, wie alt du bist und in welcher sozialen Blase du vermutlich vegetierst. Aus diesen Nullen und Einsen basteln sie dann deinen persönlichen Schicksalswert – den „Score“. Und dieser Score entscheidet dann, ob du ein Handy bekommst oder ein Konto, ob du als vertrauenswürdig oder als pleitegefährlich giltst. Klingt nach dystopischem Roman? Nope. Klingt nach Österreich 2025.

Transparenz? Sorry, Geschäftsgeheimnis.

Du willst wissen, wie dieser Score entsteht? Na dann viel Spaß mit der Datenschutzanfrage. Die Formel ist geheim. Die Kriterien sind unklar. Die Logik? Eine Blackbox in der Blackbox. Aber keine Sorge, das Ganze ist sicher total objektiv – also statistisch objektiv. Also wahrscheinlich. Also vielleicht. Oder eben nicht.

Digitales Kastensystem: Du wohnst falsch, Pech gehabt.

CRIF liebt Daten. Besonders solche, die nichts über dich aussagen. Dein Wohnort ist ein entscheidender Faktor. Wohnst du im „falschen“ Bezirk? Score runter. Arbeitest du in einer Branche mit schlechtem Image? Score runter. Zu jung, zu alt, zu anders? Runter, runter, runter.

Ein Algorithmus, der dich kennt, ohne dich zu kennen. Eine digitale Schublade mit sozialem Klebstoff.

Und die Menschenrechte? Ach, die…

Hier ein kleiner Auszug aus der Liste, was CRIFs Praxis elegant ignoriert:

1. Recht auf Privatheit (Art. 8 EMRK / Art. 7 EU-Grundrechtecharta)

Die umfassende Sammlung und Verarbeitung personenbezogener Daten ohne informierte Einwilligung oder auch nur Kenntnis der Betroffenen stellt einen Eingriff in das Recht auf Achtung des Privat- und Familienlebens dar. Die informationelle Selbstbestimmung wird ausgehöhlt. CRIF verarbeitet Daten, die oft ohne aktive Beteiligung der Betroffenen erhoben werden – das ist ein Bruch mit dem Grundsatz der Selbstverfügung über persönliche Daten.

2. Recht auf Nichtdiskriminierung (Art. 21 EU-Grundrechtecharta)

Wenn algorithmische Scores auf Merkmalen wie Wohnort, Alter oder Geschlecht basieren – ohne dass das Verhalten der Person tatsächlich berücksichtigt wird –, dann entsteht indirekte Diskriminierung. Menschen aus bestimmten Stadtteilen oder sozioökonomischen Gruppen können systematisch schlechtere Scores bekommen. Diese strukturelle Diskriminierung wirkt nicht offen, aber nachhaltig.

3. Recht auf faires Verfahren und effektiven Rechtsschutz (Art. 47 EU-Charta)

Viele Betroffene wissen nicht, wie ihr Score zustande kommt – und haben kaum Möglichkeiten, diesen wirksam anzufechten. Wenn aber dieser Score über reale Lebensentscheidungen mitentscheidet (z. B. Kreditwürdigkeit, Vertragsabschlüsse), dann fehlt es an einem fairen, überprüfbaren Verfahren. Intransparente Algorithmen mit realen Konsequenzen sind das Gegenteil von Rechtssicherheit. Ein Blackbox-Scoring ohne nachvollziehbaren Entscheidungsweg verletzt das Recht auf effektiven Rechtsschutz.

4. Verstoß gegen die DSGVO als Ausdruck grundlegender Rechteverletzung

Die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) schützt nicht nur „Daten“, sondern ist Ausdruck eines grundrechtlichen Rahmens für digitale Selbstbestimmung. Verstöße dagegen – etwa durch fehlende Transparenz (Art. 12–14), ungerechtfertigte Profilbildung (Art. 22) oder fehlerhafte Scores – sind nicht bloß technische Pannen, sondern menschenrechtlich relevant.

Zusammenfassend:

  • Recht auf Privatleben (aber was ist Privatsphäre gegen Profit?)
  • Recht auf Nichtdiskriminierung (nur weil dein Name Müller ist, hast du doch nichts zu befürchten, oder?)
  • Recht auf effektiven Rechtsschutz (aber gegen was eigentlich, wenn man nichts weiß?)
  • Recht auf faire Behandlung (siehe oben.)
  • Recht auf die Einhaltung der DSGVO? Steht zwar im Gesetz, aber nicht im Geschäftsmodell.
Humanismus? Ein Relikt.

Du dachtest, der Mensch ist ein vernunftbegabtes Wesen, frei, mündig, mit Rechten und Würde? Falsch gedacht. Der Mensch ist ein Datensatz. Ein Wahrscheinlichkeitswert. Ein Risiko. Und dieser Algorithmus – dieser unfehlbare, nicht erklärbare, privatwirtschaftlich betriebene Wahrheitssimulator – weiß besser als du, was du bist.

Fazit: CRIF sagt, wer du bist – und verkauft es weiter

Das alles wird gemacht im Namen der Bonität, der Sicherheit, der Effizienz. In Wahrheit ist es ein Beispiel für das, was passiert, wenn man Demokratie, Datenschutz und Menschenwürde bei Amazon bestellt und das billigste Angebot nimmt. CRIF betreibt algorithmisches Sozial-Ranking – ohne demokratische Kontrolle, ohne ethische Grundlage, ohne Rechenschaftspflicht. Das ist nicht nur falsch. Das ist ein Angriff auf alles, was eine freie, aufgeklärte Gesellschaft ausmacht.


Wer sich wehrt: Max Schrems und NOYB

Zum Glück gibt es Menschen, die sich nicht mit algorithmischer Entmündigung abfinden. Einer von ihnen ist Max Schrems, österreichischer Jurist, Datenschutzaktivist – und der Mann, dem Facebooks Datenschutzabteilung schlaflose Nächte verdankt. Er ist Gründer der Organisation NOYB – „None of Your Business“, einer zivilgesellschaftlichen Datenschutzplattform mit Sitz in Wien. Und was er mit NOYB auf die Beine gestellt hat, ist beachtlich:

Schrems bisherige Datenschutz-Schläge gegen Big Tech & Co:
  • Schrems I (2015): Kippte das Safe Harbor-Abkommen zwischen EU und USA, das als rechtliche Grundlage für transatlantische Datenübertragungen galt.
  • Schrems II (2020): Zerschlug auch den Nachfolger Privacy Shield – mit der Begründung, dass US-Geheimdienste zu viel Zugriff auf EU-Daten haben.
  • Klagen gegen Google, Facebook, Amazon u. a.: Wegen intransparenter Tracking-Praktiken, Zwangszustimmungen („Cookie-Walls“) und DSGVO-Verstößen.
  • Zahlreiche Beschwerden gegen europäische Datenschutzbehörden, die ihre Arbeit nicht ernst genug nehmen.

Jetzt also CRIF: NOYB ruft zu einer möglichen Sammelklage gegen die Score-Praxis in Österreich auf – und das mit gutem Grund. Wenn jemand weiß, wie man Giganten mit Paragrafen ins Wanken bringt, dann Max Schrems.

Und jetzt?
  • Hol dir deine Selbstauskunft.
  • Finde Deine Kreditbewertung heraus
  • Unterstütze NOYB.
  • Sprich drüber.
  • Und frag dich, wie viele Entscheidungen über dich bereits von einem Score getroffen wurden, von dem du nichts wusstest.

Oder anders gesagt: Wehr dich, solange du noch mehr bist als eine Zahl.


CRIF Projekt Update:

Genug Menschen schon am ersten Tag! Danke!  

Liebe:r Teilnehmer:in!

Dank dir und vielen weiteren engagierten Menschen aus Österreich haben wir bereits am ersten Tag genug Teilnehmer:innen erreicht, dass wir eigentlich mit der Einholung von Auskünften bei der CRIF beginnen könnten. 

Wir werden daher die Anmeldephase für Schritt 1 unseres Projekts daher schon am kommenden Sonntag (15.6.2025) schließen. Wer noch mitmachen will, muss daher diese Woche anmelden!

Wir brauchen jetzt aber nochmal deine Hilfe: 

Damit die gesammelten Daten möglichst repräsentativ und damit statistisch valide sind, bräuchten wir noch gewisse Gruppen von Teilnehmer:innen die wir weniger gut erreicht haben.

Wir suchen besonders noch nach:

• weiblichen Teilnehmerinnen (bisher sind Frauen stark unterrepräsentiert),
• Personen aus dem Burgenland, Oberösterreich, Tirol und Vorarlberg und
• Personen zwischen 18 und 25 oder über 65 Jahren.

Es wäre großartig, wenn du unser Projekt mit deiner Familie oder deinem Freundeskreis teilen und gezielt bisher in den Daten unterrepräsentierte Personen ansprechen könntest!

Natürlich kann man die Daten statistisch gewichten, um diese Unterschiede (grade bei einer ohnehin großen Zahl an Teilnehmer:innen) statistisch korrekt auszugleichen. Wir hätten aber gerne schon Rohdaten die möglichst nahe am österreichischen Durchschnitt sind.

Anmelden kann man sich weiterhin unter https://crif.noyb.eu/ – im Schnitt haben Teilnehmer:innen übrigens bisher nur 5 Minuten für die Anmeldung gebraucht!

Vielen Dank für deine Unterstützung!

Max Schrems und das noyb-Team

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert