Was glaubt Österreich?

Ein offener Brief an ORF religion und das Forschungszentrum Religion and transformation in Contemporary Society, die die wissenschaftliche Leitung des Projekts innehaben.


Doch zunächst zum Projekt:

„Was glaubt Österreich?“: Erste Einblicke in die qualitative Umfrage

Studienleitung: Ass.-Prof.in Astrid Mattes-Zippenfenig, Ass.-Prof.in Regina Polak

Im Folgenden finden Sie erste Einblicke in die explorative qualitative Vorstudie. Die angeführten Ausschnitte stammen aus drei der fünf Fragekomplexen zum Thema Sinn, Glaube, Ritual, Gemeinschaft sowie Moral und Ethik. Diese Erkenntnisse sind nicht repräsentativ, sondern wurden aus der induktiven Auswertung der Daten der qualitativen Vorstudie gewonnen.

Sinn

Im Bereich der Sinnkonzeptionen der Österreicher*innen ist die zielgerichtete Ausrichtung des eigenen Handelns und das Erreichen konkreter Lebensziele zentral. Demnach sehen viele Befragte den Sinn des Lebens darin, spezielle Aufgaben im Laufe ihres Lebens zu erfüllen. Dazu gehören beispielsweise das Erreichen bestimmter Meilensteine, das Erfüllen gewisser Erwartungen oder sich im größeren Sinn für „die Gesellschaft“ als nützlich zu erweisen. Letzteres ist oft mit dem Eigenanspruch verknüpft, etwas an die nachfolgenden Generationen, die eigenen Kinder oder die Menschheit als Ganzes weiterzugeben. Im Einklang mit diesem transgenerationalen Denken ist die Verantwortung gegenüber der Erde bzw. bei religiös geprägten Antworten gegenüber Gottes Schöpfung und deren Erhaltung (Stichwort Klimaschutz) eng verknüpft. Auch der Wunsch, bestimmte materielle Güter zu erwerben, ist für viele sinnstiftend. Besonders bei jüngeren Menschen sind materielle Ziele wie Haus, Familie und Beruf bedeutend. Die befragten Personen nennen als sinnstiftend beispielsweise folgende Aspekte:

Gutes Tun, etwas in der Gesellschaft beitragen, glücklich sein, Zukunft gestalten, […], Gemeinschaft. (WGÖ, qualitatives Interview 104:2)1

Der Sinn des Lebens ist einen sinnvollen Beitrag zur Gesellschaft und zum Zusammenleben der Menschen beizutragen. Kurz gesagt, mithelfen die Gesellschaft in ihrer besten Form zu halten bzw. zu verbessern. (WGÖ, qualitatives Interview 1021:2)

Sinnstiftende Arbeit: das heißt eine Tätigkeit, bei der eine ideeller Mehrwert und Zufriedenheit entsteht – bei der arbeitenden Person, aber auch bei anderen und der Gesellschaft. Ich möchte zum großen Ganzen etwas beitragen. Durch Begegnung mit anderen, ehrenamtliche Tätigkeit, Freude erleben und verursachen … dann ist das Leben sinnvoll. (WGÖ, qualitatives Interview 132:2)

In vielen der ausgefüllten Fragebögen ist darüber hinaus eine Diskrepanz zwischen einem diesseitsbezogenen Sinnsystem (Antwort auf Frage 1) und einem mit traditionell-religiösen Überzeugungen beschriebenen Glaubenssystem (Antwort auf Frage 2) festzustellen. Für viele der befragten Personen ist Religion im alltäglichen Leben nicht mehr „sinnstiftend“, d.h. der Sinn des eigenen Lebens ist nicht mehr an transzendente Vorstellungen und Überzeugungen geknüpft. So sehen viele z.B. den Sinn ihres Lebens darin, „glücklich zu sein“ und nicht mehr in der Ausübung einer von der Religion vorgegebenen Praxis (z.B. Nachfolge Jesu). Zugleich wird bei der Frage nach konkreten Glaubensvorstellungen trotzdem auf traditionelle religiöse Vorstellungen und Überzeugungen zurückgegriffen.

Glaube

Die Ergebnisse im Bereich der Glaubensvorstellungen zeichnen sich vor allem durch ihr breites Spektrum aus. Auf der einen Seite befinden sich Menschen, die ihren Alltag fest auf ihrem Glauben aufbauen, teilweise mit rigorosen Lebenskonzepten, auf der anderen Seite Personen, die sich kritisch bis abwertend gegenüber Religion, Glaube und religiösen Institutionen äußern. Zwischen diesen beiden Extremen existieren zahlreiche unterschiedliche Facetten und Positionen. Besonders auffällig ist eine Gruppe, die sich in die vermeintliche Mitte dieser beiden Pole einordnen lässt und durch eine Vielzahl von Antworten repräsentiert ist. Dabei handelt es sich um Personen, die in ihrer Vorstellungswelt agnostische Züge aufweisen und sich in der Beschreibung ihrer Glaubensvorstellungen recht vage ausdrücken. In dieser Gruppe herrscht große Unsicherheit darüber, welchen religiösen oder weltanschaulichen Überzeugungen sie folgen sollen („Ich weiß nicht, was ich glauben soll“). In den Worten befragter Personen:

Ich weiß nicht an was genau ich glaube, aber ich weiß, es gibt was Größeres irgendwo [sic] da draußen. Ich manifestiere zum Beispiel des Öfteren und bedanke mich für alles, was mir bereits gegen wurde (Chancen, Freunde, Familie, Erfahrungen). (WGÖ, qualitatives Interview 588:3)

Ich weiß nicht an was ich glaube. Ich bin kein Atheist, ich glaube, dass es eine höhere Macht gibt, aber ich habe keine Ahnung, wie die aussieht, was sie will, was sie tut, was sie von mir erwartet. […] Ich wäre furchtbar gern gläubig. Im Leben kann dich fast nichts mehr erschüttern, weil du immer im Hinterkopf hast: Gott ist bei dir. Du bist nicht allein. Leider habe ich ziemliche Zweifel an dem Ganzen. Ich denke, es ist einfach nur eine Geschichte, die sich verzweifelte Menschen auf der Suche nach einem Sinn ausgedacht haben und im Wandel der Zeit wurde es als wahr betrachtet. Und genau diese Leute haben dann mehr Vertrauen in sich selbst, in die Welt. (WGÖ, qualitatives Interview 580:3)

Doch auch die Wege zu Gott oder einer höheren Macht sind ebenso vielfältig beschrieben. So findet eine Vielzahl von gläubigen Menschen in ihrem Gegenüber, ergo in „ihren Mitmenschen“, in bestimmten „heiligen Schriften“, durch bestimmte Erfahrungen und Umgebungen oder vermehrt auch im Gebet, welches oft als „Reden mit Gott/einer höheren Macht“ beschrieben wird, zu Gott/einer höheren Macht. In den Worten der Befragten:

„Ich bin katholisch und glaube an den dreifaltigen Gott, der die Liebe ist und auch mich unendlich liebt. Ich erfahre ihn im Gebet, durch andere Menschen oder Situationen im Leben, die ich selber nicht so gut fügen könnte.“ (WGÖ, qualitatives Interview 174:2)

„Da wir selbst zutiefst „dialogische Wesen“ sind und im Angesprochen-Sein [sic] und Ansprechen existieren, kann ich auch Gott so erfahren.“ (WGÖ, qualitatives Interview 173:2)

„Durch die Bibel erfahre ich, wie Gott ist und wie er denkt. Durch die Natur – zum Beispiel im Wald oder durch den Sternenhimmel – kann ich auch Gottes Eigenschaften kennenlernen und sehen lernen. Seine Liebe zum Detail und auch seinen Humor.“ (WGÖ, qualitatives Interview 1096:3)

Gemeinschaft

Eine Auswertung jener Aussagen, die im Zusammenhang mit dem Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gemeinschaft formuliert wurden, zeigt ein interessantes Bild: Es sind vor allem ideelle Gemeinschaften, denen sich Menschen neben familiären und freundschaftlichen Strukturen zugehörig fühlen. Hierbei geht es oftmals um den Austausch mit gleichgesinnten Personen, die dieselben Interessen und Werte teilen oder mit denen man sich identifizieren kann.

Die klassischen Räume, in denen Gemeinschaften sich treffen, wie beispielsweise Vereine, werden um den virtuellen Raum erweitert, d.h. immer mehr Menschen finden in virtuellen Gemeinschaften (z.B. Gaming-Communities, Online-Foren) ihresgleichen. Des Weiteren fiel auf, dass sich Befragte in vielen Fällen nicht durch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gemeinschaft definierten, sondern dadurch, wo sie sich nicht zugehörig fühlen. Die gewünschte Abgrenzung von bestimmten Gruppen erfolgt bei diesen Befragten durch eine Art „Nicht-Zugehörigkeit“. Ferner wurde ein starkes Bedürfnis festgestellt, sich selbstbestimmt und bewusst Gruppen zuzuordnen. Dies steht vermutlich im Zusammenhang mit dem fortschreitenden Individualisierungsprozess in unserer Gesellschaft.

Zusammenfassung

Zusammenfassend kann nach Analyse der umfassenden qualitativen Vorstudiendaten angenommen werden, dass sich in vielen Bereichen wesentliche Veränderungen und Neuheiten andeuten. Trotzdem bleiben traditionell-religiöse Strukturen und Vorstellungen in bestimmten Bereichen der Gesellschaft parallel bestehen. Dies erinnert an die von Hubert Knoblauch beschriebene „Refiguration von Religion“, wobei Strukturen innerhalb der Glaubens- und Weltanschauungsrealität in alter Form weiterhin bestehen, sich ihre Funktion und Semantik allerdings verschieben bzw. verändern.2 In den qualitativen Daten zeigt sich, dass damit einhergehend eine starke Vermischung verschiedener religiöser und weltanschaulicher Konzepte passiert, die teilweise in inkohärenter Weise miteinander verbunden werden.

Die Prüfung der in der qualitativen Umfrage gewonnenen Erkenntnisse zu den aktuellen Trends innerhalb der Wert-, Glaubens- und Weltanschauungsrealität der Österreicher*innen erfolgte über eine repräsentative quantitative Erhebung. Mit den Endergebnissen der gesamten Studie ist im Jänner 2025 zu rechnen.

Zum Kooperationsprojekt „Was glaubt Österreich?“

„Was glaubt Österreich?“ ist ein Kooperationsprojekt des Forschungszentrums „Religion and Transformation in Contemporary Society“ der Universität Wien unter der wissenschaftlichen Leitung von Regina Polak und Astrid Mattes-Zippenfenig (wissenschaftliche Mitarbeit: Patrick Rohs und Anja Frohner) und der ORF-Hauptabteilung „Religion und Ethik multimedial“ unter der Leitung von Barbara Krenn. Die wissenschaftliche Forschung wird vom Zukunftsfonds der Republik Österreich gefördert.

Weitere Informationen zum wissenschaftlichen Projekt „Was glaubt Österreich?“ findet man auf Was glaubt Österreich?

Alle Informationen zum ORF-Projekt „Was glaubt Österreich?“ sowie alle ORF-Beiträge zum Projekt zum Nachhören, Nachschauen und Nachlesen findet man beim ORF. Die Seite wird laufend ergänzt und weiterentwickelt. Über die Mail-Adresse wasglaubtoesterreich@orf.at ist die Redaktion für weitere Informationen und Rückfragen erreichbar.


Und hier unser Brief:


Sehr geehrte Frau Mag. Dr. Patrick Rohs, BSc,
sehr geehrte Frau Prof. MMag. Dr. Astrid Mattes-Zippenfenig,
sehr geehrte Frau Frau Professor MMag. Dr. Regina Polak,
sehr geehrte Frau Frau Anja Frohner,
sehr geehrte Frau Frau Barbara Krenn,
sehr geehrte Frau Frau Clara Akinyosoye,
sehr geehrte Frau Frau Irene Klissenbauer,
sehr geehrte Frau Frau Kerstin Tretina,
sehr geehrte Frau Frau Lena Göbl,
sehr geehrte Frau Frau Ursula Unterberger,
sehr geehrter Herr Jasper Ziegler,
sehr geehrter Herr Markus Veinfurter,

als Präsident des Humanistischen Verband Österreich wende ich mich an Sie, um die aktive Teilnahme unserer Organisation an Ihrem geplanten Sendeformat, dem geplanten Philosophischen Forum sowie an der daraus resultierenden repräsentativen Studie einzufordern.

Wir schätzen Ihre Initiative, Glaubens- und Wertvorstellungen in ihrer Vielfalt zu erfassen und sichtbar zu machen, als einen wichtigen Beitrag zu einem besseren gegenseitigen Verständnis in unserer Gesellschaft, und als einen Versuch, das ORF-Gesetz, in dem 16 mal der Begriff Repräsentativ aufscheint, umzusetzen.

Der Humanistische Verband Österreich setzt sich seit 1887 für die Werte von Humanismus, Aufklärung und Säkularität ein. Wir vertreten die Perspektive von Menschen, die ihre Orientierung ohne religiöse Bindung, aber mit einem starken ethischen Fundament gestalten. Diese Sichtweise ist ein integraler Bestandteil der Vielfalt, die in Ihrer Studie und in den Medienformaten abgebildet werden sollte.

Um sicherzustellen, dass die nicht-religiösen Lebens- und Glaubenswelten adäquat in Ihrem Projekt vertreten sind, schlagen wir für künftige Befragungen vor:

  1. Die Einbindung von Expert:innen und Sprecher:innen des HVÖ in Interviews und Diskussionen.
  2. Die Entwicklung spezifischer Befragungsitems, die die Erfahrungen und Werte von Menschen ohne religiöse Bindung explizit adressieren.
  3. Eine klare Kommunikation über die Vielfalt der teilnehmenden Weltanschauungen in allen medialen Kanälen des ORF.

Wir sind gerne bereit, uns aktiv in die wissenschaftliche Begleitung und die mediale Umsetzung des Projekts einzubringen. Unsere Expert:innen stehen für Beratungsgespräche, Interviews oder Diskussionsbeiträge zur Verfügung. Darüber hinaus können wir auf ein breites Netzwerk zurückgreifen, um weitere Perspektiven einzubringen und die Repräsentation zu stärken.

Der Humanistische Verband Österreich vertritt einen wachsenden Anteil der Bevölkerung, der sich keiner religiösen Tradition zuordnet und dennoch eine klare ethische Haltung hat. Unsere Teilnahme an diesem Forum wäre daher nicht nur ein Zeichen für echte Vielfalt, sondern auch ein wesentlicher Beitrag zur gesellschaftlichen Relevanz Ihrer Studie, und zum Programmauftrag des ORF. Dabei bieten wir gerne unsere Hilfe an.

Wir danken Ihnen im Voraus für die Berücksichtigung unseres Anliegens und freuen uns auf die Gelegenheit, dieses Projekt gemeinsam zu gestalten. Für ein persönliches Gespräch stehen wir Ihnen jederzeit zur Verfügung und freuen uns auf Ihre Rückmeldung.

Mit freundlichen Grüßen
Andreas Gradert

Humanistischer Verband Österreich (HVÖ), Präsident
giordano bruno stiftung Österreich (gbs), Präsident

Dr. Andreas Gradert, MSc MA
Karlsdorf 4
2431 Enzersdorf an der Fischa
+43 670 3547784


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