Frankreichs Religionen sind beleidigt!

Eugene Delacroix‘ Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“ von 1830 © imago stock&people

Frankreich diskutiert über assistierten Suizid – und die Religionen sind beleidigt, weil sie nicht gefragt wurden.

Ein laizistischer Staat zeigt, wie säkulare Demokratie geht

Seit Montag berät das französische Parlament über die mögliche Legalisierung des assistierten Suizids. Ein sensibles, tiefgreifendes Thema. Und Frankreich geht es bemerkenswert nüchtern an: In einer öffentlichen, demokratischen Debatte – geführt von gewählten Abgeordneten, ohne Einmischung durch religiöse Institutionen.

Keine Kirchenvertreter:innen.
Keine religiösen Ethikrät:innen.
Keine theologisch begründeten Bedenken, die sich als „gesellschaftliche Perspektive“ tarnen.

Während in Österreich regelmäßig der politische Blick nervös Richtung Vatikan schielt, diskutiert Frankreich frei – laizistisch, rational und menschenrechtsbasiert.


Klerikale Allianz im Alarmmodus

Wie zu erwarten, kam prompt der Aufschrei. Eine interreligiöse Koalition aus katholischer, protestantischer, orthodoxer, jüdischer, muslimischer und buddhistischer Vertretung veröffentlichte am 13. Mai 2025 eine gemeinsame Erklärung. Der Ton: beleidigt. Die Forderung: Sonderbehandlung.

„Unsere Stimmen werden nicht gehört. Wir fordern, als religiöse Autoritäten in den Gesetzgebungsprozess eingebunden zu werden.“
(Déclaration interreligieuse, 13. Mai 2025)

Man zeigt sich „tief betroffen“ darüber, dass diese „existenzielle Frage“ ohne ihre „spirituelle Weisheit“ diskutiert wird. Und erwartet offenbar, dass die Republik Frankreich sich dafür entschuldigt, sie nicht um Erlaubnis gefragt zu haben.

Laizität schützt vor religiöser Bevormundung

Was die Kleriker empört, ist in Frankreich geltendes Recht – und das seit über 100 Jahren: Das Loi de 1905 regelt die strikte Trennung von Staat und Religion. Der entscheidende Satz lautet:

„La République ne reconnaît, ne salarie ni ne subventionne aucun culte.“
(„Die Republik erkennt keinen Kult an, bezahlt ihn nicht und subventioniert ihn nicht.“)

Das heißt: Keine kirchlichen Privilegien im Gesetzgebungsverfahren. Keine religiösen Veto-Rechte über individuelle Selbstbestimmung. Und keine stillschweigende Vormachtstellung „traditioneller Werte“, wenn es um individuelle Menschenrechte geht – vor allem am Lebensende.

Der Conseil d’État wacht über den weltanschaulichen Frieden

In Frankreich stellt der Conseil d’État, das oberste Verwaltungsgericht, sicher, dass Laizität nicht nur ein Prinzip auf dem Papier ist, sondern aktiv eingehalten wird. Er interveniert, wenn religiöse Normen in staatliches Handeln einzudringen drohen – sei es im Bildungswesen, im Gesundheitsbereich oder im bioethischen Raum.

Frankreich schützt damit nicht nur die Freiheit der Religion – sondern die Freiheit von Religion. Niemand wird gezwungen zu glauben. Aber auch niemand muss sich religiöse Dogmen aufzwingen lassen.

Heiligkeit ist keine Gesetzesgrundlage

Die interreligiöse Allianz schreibt wörtlich:

„Wir lehnen jede Form von assistiertem Suizid ab. Das Leben ist heilig und gehört nicht dem Menschen.“
(Déclaration interreligieuse, 13. Mai 2025)

Doch genau das ist das Problem: Heiligkeit ist ein theologisches Begriffssystem – kein rechtlicher Standard. In einer pluralistischen Demokratie kann nicht gelten, dass religiöse Dogmen allgemeine Gesetzgebung diktieren.

Wer glaubt, das Leben gehöre einem Gott, darf das leben – aber nicht von anderen verlangen.

Wer glaubt, dass das Leiden ertragen werden muss, darf das glauben – aber anderen nicht das Recht verwehren, es zu beenden.

Frankreich schützt das – durch klare Säkularität. Österreich? Eiert.

Österreich: Demokratie auf Knien

Während Frankreich Religion höflich aus der Legislative fernhält, sieht das in Österreich anders aus: Hier verhandeln Kardinäle mit Minister:innen. Hier dominieren kirchlich geprägte Expert:innen die Bioethikkommission. Und hier entscheidet eine jahrhundertelang patriarchal geprägte Glaubensgemeinschaft immer noch maßgeblich mit, wann und wie ein Mensch sterben darf.

Der assistierte Suizid ist in Österreich seit 2022 unter extrem restriktiven Bedingungen erlaubt – nicht wegen, sondern trotz kirchlicher Einflussnahme. Der Widerstand ist bis heute spürbar: durch Verzögerung, moralischen Druck, ideologische Barrieren und eine politische Angst, sich von kirchlicher Macht zu emanzipieren.

Frankreich zeigt: Es geht auch anders

Frankreich führt vor, wie eine freiheitliche Gesellschaft heikle Fragen diskutieren kann:
Ohne Dogmen.
Ohne Moralpredigten.
Ohne Angst vor spirituellem Machtverlust.

Was zählt, sind individuelle Rechte, persönliche Autonomie, die Würde der Selbstbestimmung. Nicht das Gewissen eines Bischofs, nicht das Dogma einer Religion, nicht das sakrale Empfinden von Imamen, Rabbiner:innen oder Lamas.

Fazit

Die Reaktion der religiösen Organisationen ist entlarvend: Sie verlangen kein Mitgefühl, sondern Macht.
Sie wollen nicht Teil einer Debatte sein – sie wollen sie lenken.
Sie pochen nicht auf Argumente – sondern auf alte Autoritäten.

Frankreich sagt: „Ihr dürft glauben, was ihr wollt – aber ihr habt kein Mitspracherecht über unser aller Leben und Sterben.“

Und genau das ist säkulare Reife.


Quellen:
  1. Loi du 9 décembre 1905 concernant la séparation des Églises et de l’État
    https://www.legifrance.gouv.fr/loda/id/JORFTEXT000000508749
  2. Déclaration interreligieuse sur la fin de vie, 13 mai 2025 (u. a. zitiert in La Croix)
    Archiviert z. B. via https://www.la-croix.com
  3. Le Monde (13. Mai 2025): « Fin de vie : les religions dénoncent une mise à l’écart dans le débat parlementaire »
    https://www.lemonde.fr (Paywall)
  4. Conseil d’État – Rolle in laizistischer Rechtsprechung
    https://www.conseil-etat.fr/
  5. Informationen zur Bioethikkommission Österreich
    https://www.bundeskanzleramt.gv.at/themen/bioethikkommission.html

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