Transhumanz und Humanismus: Eine Beziehung, die älter ist als jede Ideologie

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Dieser Text ist dem Verein Hirtenkultur gewidmet, bei deren Jahreshauptversammlung wir heute ein erstes Mal teilnehmen. Einer Initiative von Menschen, die nicht nur von Tradition reden, sondern sie leben, sie schützen und sie weiterentwickeln. Menschen, die zeigen, dass Kultur nicht im Museum verstaubt, sondern auf Almwegen entsteht, in der Arbeit von Hirten und Hirtinnen, in der Pflege von Landschaften und im respektvollen Umgang mit Tieren. In einer Zeit, in der nachhaltige Praxis gern theoretisch beschworen wird, aber in politischen Entscheidungen kaum vorkommt, erinnert der Verein Hirtenkultur daran, dass ökologisches Wissen, soziale Verantwortung und kulturelles Erbe keine Schlagwörter sind, sondern gelebte Realität und gelebter Humanismus.

Dieser Artikel versteht sich als Anerkennung dieser Arbeit und als humanistischer Beitrag zu einer Diskussion, die viel zu selten geführt wird. Transhumanz ist nicht nur ein landwirtschaftliches Modell. Sie ist ein Beispiel dafür, wie Menschenwürde, kulturelle Selbstbestimmung und nachhaltiges Wirtschaften zusammengehören. Wer die Zukunft der Alpenlandschaften sichern will, muss jene unterstützen, die sie seit Jahrhunderten erhalten. Der Verein Hirtenkultur macht sichtbar, was auf dem Spiel steht. Und er zeigt, wie viel Weisheit in einer Tradition steckt, die unsere Gesellschaft längst zu verlieren droht.

Transhumanz ist mehr als der saisonale Wechsel von Weideflächen. Sie ist eine der ältesten kulturellen Praktiken Europas und ein Beispiel dafür, wie Menschen ihre Lebenswelt mit Vernunft, Respekt und langfristigem Denken gestalten. Genau hier beginnt die Verbindung zum Humanismus. Denn Humanismus ist keine abstrakte Philosophie der Großstädte, sondern ein Ansatz, der die realen Lebensbedingungen von Menschen, ihr kulturelles Erbe, ihre Würde und ihre Selbstbestimmung ernst nimmt.

Transhumanz ist eine Form der Beziehung zwischen Mensch, Tier und Landschaft, die nicht auf maximalen Ertrag, sondern auf Ausgleich, Nachhaltigkeit und Wissenstradition basiert. Sie ist ein Gegenentwurf zu jener Form von Landwirtschaft, die Böden überlastet, Ressourcen erschöpft und kulturelle Vielfalt reduziert. Und sie zeigt, wie vernünftige Nutzung und ökologisches Gleichgewicht zusammengehen können, ohne die Existenz von Almbäuer:innen oder Hirtenfamilien zu gefährden.

Transhumanz im österreichischen Kontext

Österreich gehört zu den Ländern, in denen Transhumanz historisch tief verankert ist. Die Wanderweidewirtschaft im Alpenraum hat Almflächen erhalten, die Biodiversität geschützt und jahrhundertealte Wissensbestände von Generation zu Generation weitergegeben. Doch diese Praxis steht zunehmend unter Druck. Strukturelle Veränderungen in der Landwirtschaft, Bürokratie, Klimawandel, wirtschaftliche Abhängigkeiten und gesellschaftliche Entfremdung vom ländlichen Raum tragen dazu bei, dass traditionelle Hütekulturen zurückgedrängt werden.

Gerade Projekte wie jene der Plattform Hirtenkultur zeigen, wie prekär die Situation in Österreich geworden ist. Wanderschäfer:innen berichten davon, dass sie kaum Zugang zu Weideflächen erhalten, weil Gemeinderegulierungen auf stationäre Landwirtschaft ausgerichtet sind. Sie schildern, dass die traditionelle Form des Weidewechsels häufig Missverständnissen und Vorurteilen begegnet. Und sie zeigen, wie schwer es ist, eine Praxis am Leben zu erhalten, die zwar ökologisch wertvoll ist, aber wirtschaftlich immer weniger anerkannt wird.

Diese Diskrepanz zwischen ökologischem Nutzen und politischer Realität ist nicht zufällig. Sie verweist auf ein tieferes Versäumnis: die fehlende Anerkennung kultureller Traditionen als gesellschaftlich wertvoller und menschenrechtlich relevanter Bestandteil unseres Gemeinwesens.

Tradition als humanistischer Wert

Tradition gilt Humanist:innen nicht als starres Relikt, sondern als lebendige Ressource. Eine Kultur, die ihre Vergangenheit kennt, versteht sich selbst besser. Transhumanz ist ein Paradebeispiel für eine Tradition, die nicht nostalgisch verklärt, sondern in ihrer realen ökologischen, sozialen und kulturellen Bedeutung sichtbar wird.

Diese Praxis basiert auf Erfahrungswissen, das sich in Jahrhunderten angesammelt hat. Es geht um natürliche Rhythmen, sinnvolle Ressourcennutzung und den Respekt vor der eigenen Lebensumwelt. Tradition wird hier nicht zum Dogma, sondern zu einer Form menschlicher Rationalität. Sie macht sichtbar, wie viel Intelligenz in gemeinschaftlicher und naturverbundener Praxis steckt, lange bevor es universitäre Agrarforschung gab.

Ein humanistischer Blick erkennt in der Transhumanz jene Form menschlicher Kulturleistung, die nicht durch Technologie ersetzt werden kann. Sie ist ein sozialer, ökologischer und historischer Lernspeicher, ein Beispiel dafür, wie Menschen ihr Wissen nicht nur bewahren, sondern auch weiterentwickeln. Tradition wird hier zum Wert, der Selbstständigkeit, Gemeinschaft und die Fähigkeit zur langfristigen Lebensplanung stärkt.

Mensch und Natur im Gleichgewicht

Transhumanz gehört zu den wenigen landwirtschaftlichen Praktiken, die Biodiversität nachweislich verbessern. Studien der AGES zeigen, dass Alm- und Weidewirtschaft zu einer mosaikartigen Landschaftsstruktur führt, die seltene Pflanzen- und Tierarten begünstigt und Erosion verhindert. Gleichzeitig stabilisiert sie das Mikroklima und schützt die Böden vor Übernutzung.

Aus humanistischer Sicht bedeutet das eine doppelte Verantwortung. Erstens: Menschen sollen die Natur nicht als Ressource verstehen, die man ausbeutet, sondern als Lebensbedingung, die man vernünftig nutzt. Zweitens: Nachhaltigkeit ist kein Luxusprojekt für privilegierte Gesellschaften, sondern ein Grundprinzip des menschlichen Lebens, das die Zukunft kommender Generationen schützt.

Transhumanz zeigt, dass nachhaltige Nutzung nicht Verzicht bedeutet, sondern eine Form von Freiheit ermöglicht, die im Einklang mit der Umwelt steht. Das ist gelebter Humanismus.

Gemeinschaft und Wissenstransfer

Transhumanz ist niemals eine individuelle Praxis, sondern immer eine gemeinschaftliche. Sie beruht auf Kooperation, Weitergabe von Wissen und gegenseitiger Unterstützung. Hirtenwege, Weiderechte, Almkooperationen und regionale Netzwerke entstehen nicht zufällig. Sie sind Ausdruck sozialer Intelligenz.

Das Projekt Hirtenkultur dokumentiert eindrucksvoll, wie diese Netzwerke funktionieren. Schäfer:innen berichten dort von gemeinsamer Planung, gegenseitiger Hilfe und Wissensaustausch über Tiergesundheit, Pflanzenkunde und Landschaftsökologie. Dieses Wissen ist nicht in Lehrbüchern entstanden, sondern in der realen Praxis der Menschen, die mit der Landschaft leben.

Humanistisch betrachtet zeigt sich hier eine Form sozialer Organisation, die Würde, Arbeit und Gemeinschaft miteinander verbindet. Eine Kultur, die solche Lebensformen verliert, verliert auch eine Quelle menschlicher Solidarität.

Transhumanz als menschenrechtliche Frage

Transhumanz berührt zentrale Menschenrechte. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte schützt ausdrücklich kulturelle Teilhabe, selbstbestimmte Arbeit und soziale Sicherheit.

Artikel 22 garantiert das Recht auf wirtschaftliche und soziale Bedingungen, die ein würdiges Leben ermöglichen. Für Hirtenfamilien heißt das: Zugang zu Weiden, faire politische Rahmenbedingungen, Infrastruktur und Rechtssicherheit. Wenn diese Bedingungen fehlen, wird ihre Lebensform unbewohnbar.

Artikel 27 schützt das Recht, am kulturellen Leben der Gemeinschaft teilzunehmen. Transhumanz ist gelebte Kultur. Wird sie verdrängt, wird ein Menschenrecht verletzt.

UNESCO und internationale Menschenrechtsinstitutionen weisen darauf hin, dass traditionelle landwirtschaftliche Praktiken Teil des immateriellen Kulturerbes sind, das geschützt werden muss.

Wer diese Traditionen schützt, schützt nicht nur eine alte Praxis, sondern die kulturelle Vielfalt Europas und das Recht von Menschen, ihre eigene Lebensweise fortzuführen.

Fazit

Transhumanz ist kein romantisches Folklorebild, sondern ein komplexes System aus Wissen, Kultur, Nachhaltigkeit, Menschenrechten und Gemeinschaft. Sie zeigt, wie ein humanistisches Verständnis von Würde, Selbstbestimmung und ökologischer Verantwortung in der Realität aussehen kann.

Eine humanistische Gesellschaft, die auf Vernunft, Mitgefühl und langfristiges Denken setzt, darf diese Praxis nicht marginalisieren. Sie muss sie schützen. Nicht aus Nostalgie, sondern aus Verantwortung.

Warum ich diesen Text schreibe?

Ich schreibe diesen Text nicht aus akademischer Distanz oder rein theoretischem Interesse. Meine Verbindung zur Hirtenkultur ist eine gelebte. Meine Frau – der ich sehr dankbar bin, mich an diese für mich neue Welt herangeführt zu haben – und ich besitzen eine eigene Schafherde und arbeiten seit Jahren mit unseren Border Collies, die wir an diesen Schafen und an den Herden von Freund:innen in ganz Österreich ausbilden. Wer mit Hütehunden arbeitet, lernt schnell, dass Transhumanz keine Folklore ist, sondern ein System aus Wissen, Verantwortung und gegenseitigem Vertrauen. Jede Weide, jeder Weg, jede Zusammenarbeit mit anderen Schäfer:innen, bei uns Handler genannt, zeigt, wie verletzlich und gleichzeitig wie wertvoll diese Kultur ist.

Unser Interesse und unsere Mitarbeit bei Hirtenkultur.at sind daher nicht bloß Unterstützungsakte von außen. Sie sind Ausdruck einer Lebensform, die wir selbst teilen. Wir wissen aus unmittelbarer Erfahrung, wie viel Fachwissen, Geduld und körperliche Arbeit hinter dieser Tradition stehen. Und wir wissen, wie sehr sie von politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklungen bedroht wird.

Dieser Text entsteht also aus einem einfachen Grund. Weil ich glaube, dass eine humanistische Gesellschaft jene Menschen unterstützen muss, die sich ihrer Landschaft, ihren Tieren und ihrem Wissen verpflichtet fühlen. Und weil ich überzeugt bin, dass wir als Gemeinschaft die Verantwortung haben, diese Tradition nicht nur zu beschreiben, sondern zu schützen, bevor sie endgültig verschwindet.

https://youtu.be/i74Uq4Vldeg?si=Q56VOFeDDSn-X7Jt

Quellen und weiterführende Links
Wissenschaftliche Literatur
  • Ingold, T. (2000). The Perception of the Environment. Routledge.
  • Tasser, E., Tappeiner, U. (2002). Impact of land use changes on mountain vegetation. Landscape Ecology.
  • Wezel, A. et al. (2009). Agroecology as a science, a movement and a practice. Agronomy for Sustainable Development.
  • Fisher, A.D. et al. (2010). Animal welfare indicators in extensive sheep systems. Applied Animal Behaviour Science.
  • Bender, O. (2019). Transhumanz in den Alpen. Österreichische Zeitschrift für Volkskunde.
  • Essl, F. et al. (2015). Habitatveränderung und Biodiversität in Österreich. Journal für Naturschutz.
  • Sen, A. (2009). The Idea of Justice. Harvard University Press

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