Lawrence M. Krauss | The War on Science
In Zeiten, in denen Fakten zunehmend zur Verhandlungsmasse werden und die Glaubwürdigkeit wissenschaftlicher Institutionen unter Beschuss steht, ist es wichtiger denn je, Wissenschaft als Grundpfeiler offener Gesellschaften zu verteidigen. Das Buch The War on Science der Richard Dawkins Foundation kommt da zur rechten Zeit: Es zeigt auf, wie ideologische, politische und wirtschaftliche Interessen Wissenschaft nicht nur beeinträchtigen, sondern sie systematisch untergraben können.
Ein Blick in die USA unter der gegenwärtigen Administration von Donald Trump macht eindrücklich sichtbar, was auf dem Spiel steht: Wissenschaftliche Expertise wird unterdrückt, Veröffentlichungen werden zensuriert, Daten gelöscht oder nicht mehr zugänglich gemacht, wenn sie dem politischen Narrativ oder wirtschaftlichen Interessen widersprechen. Öffentliche Gesundheitsbehörden verlieren Handlungsspielräume, Umwelt- und Klimaschutzmaßnahmen werden zurückgefahren, und Forschende stehen zunehmend unter Druck, ihre Arbeit nach ideologischen Vorgaben auszurichten.
Für Humanist:innen bedeutet das nicht nur einen Angriff auf die Wissensproduktion als solche, sondern auf zentrale Werte wie Rationalität, Aufklärung, Wahrheitssuche und das Gemeinwohl. Der vorliegende Artikel – und das Buch, auf dem er basiert – ist also nicht nur literarische Kritik, sondern ein Aufruf, Wissenschaft als öffentlichen Wert zu schützen und die Voraussetzungen zu schaffen, dass sie wirken kann: transparent, unabhängig, kritisch.
Danke an meinen Kollegen PD Dr. Andreas Edmüller von der Richard Dawkins Foundation für die Erlaubnis der Veröffentlichung auf humanismus.at.
The War on Science – ein erschreckend wichtiges Buch
Steven Pinker skizziert im abschließenden Teil des Buches einen Plan mit 5 Punkten, der die Universitäten in den USA vor sich selbst retten soll. Seine eigene, Harvard, schließt er ausdrücklich mit ein: Freie Rede, institutionelle Neutralität, Gewaltfreiheit, Vielfalt der Meinungen, Entmachtung der DEI-Abteilungen (Diversity, Equity, Inclusion). Eigentlich sollten alle diese Werte gerade im akademischen Bereich eine Selbstverständlichkeit sein und DEI-Abteilungen überflüssig. Damit wären wir beim Thema: „Eigentlich“.
Warum Pinker mit seinen Forderungen Recht hat und ein sehr langer, mühsamer und schmerzhafter Weg vor den Universitäten und unserem gesamten Wissenschaftsbetrieb liegt, erklärt das uneingeschränkt empfehlens- und lesenswerte Buch The War on Science.
Worum geht es?
Es geht um einen zentralen Aspekt des Woke-Phänomens, nämlich um die verschiedenen Facetten einer ideologisch-esoterischen Attacke auf den Status der Wissenschaften, deren Institutionen und Ethos. Und damit um einen Frontalangriff auf das Menschheitsprojekt der Aufklärung.
Der Physiker Lawrence Krauss führt als Herausgeber 22 bekannte und renommierte Hochschullehrer und Wissenschaftler verschiedenster Disziplinen als Zeitzeugen und Diagnostiker in diesem Band zusammen. Einige ihrer Essays wurden bereits vorab veröffentlicht, viele sind Originalbeiträge. Sie schildern und belegen zahlreiche Fälle rabiater Angriffe auf die Freiheit von Forschung und Lehre, auf Rede-, Diskussions- und Meinungsfreiheit. Sie kritisieren die Ausrichtung von Berufungs- und Auswahlverfahren an ideologischen Kriterien auf Kosten von wissenschaftlicher Kompetenz und Eignung und die Aushöhlung bzw. Ideologisierung des Verfahrens zur Qualitätssicherung akademischer Veröffentlichungen. Sie zeigen, wie banale und schlechte Argumente zu aberwitzigen Thesen aufgebauscht werden, die dann als „Wissenschaft“ herhalten sollen, um ideologische Absurditäten zu untermauern oder seriöse Theorien zu untergraben. Sie erklären, wie dieses groteske Klima der Einschüchterung, der Zensur, des Duckmäusertums und der ideologischen Dominanz entstehen konnte, wie Menschen darunter zu leiden hatten und immer noch schikaniert werden. Und sie machen wie Steven Pinker konkrete Vorschläge, wie sich Universitäten und Wissenschaft aus diesem Schlamassel wieder herausarbeiten können.
Zum Glück ist die Lage aufs Ganze betrachtet an unseren Universitäten (noch?) nicht so schlimm wie generell an den angelsächsischen und speziell in den USA. Aber genau deshalb ist dieses Buch für uns so wichtig: Es ist Weckruf, Warnung und Ermutigung, uns entschlossen für eine von der Aufklärung geprägte Wissenschaftskultur einzusetzen und dem Woke-Phänomen in all seinen irrationalen Facetten konsequent entgegenzutreten. Obwohl Peak Woke meiner Ansicht nach hinter uns liegt, dürfen wir diese Aufgabe nicht auf die leichte Schulter nehmen. Dafür ist der woke Religionsersatz noch zu etabliert, der Wissenschaftsbetrieb viel zu stark international vernetzt – und viel zu wichtig![1]
Beispiele und Themen
Richard Dawkins erinnert in seinem einführenden Beitrag daran[2], welche enormen Erfolge seit der wissenschaftlichen Revolution unser Leben verbessert und unseren Horizont erweitert haben. Und er zeigt an zwei konkreten Beispielen, dass und warum das keine Selbstverständlichkeit war und ist.
Lysenko hat aus ideologischem Fanatismus unter Stalin eine pseudowissenschaftliche Alternative zur Genetik vertreten und mit aller Gewalt – das ist durchaus wörtlich zu verstehen – durchgesetzt. Mit verheerenden Resultaten und Millionen von Toten durch Fehlernten und Hungersnöte: Hier ist ein ideologisches bzw. soziales Konstrukt an der Realität komplett gescheitert.
Dawkins’ zweites Beispiel ist die aktuelle These, biologische Zweigeschlechtlichkeit sei lediglich ein „soziales Konstrukt“ und könne, solle oder müsse sogar durch mehrere Geschlechter oder ein ganzes Geschlechtskontinuum ersetzt werden; die Selbstkategorisierung erfolge dann durch eine Art innerer Wahrnehmung. Man könnte darüber lachen, würden nicht einflussreiche Organisationen wie die American Medical Association und viele andere genau das in offiziellen Dokumenten behaupten, im akademischen Lehrbetrieb und Leitlinien verankern und abweichende Meinungen sanktionieren.
Der Physiker und Mathematiker Alan Sokal zeigt am Beispiel der Zeitschrift Nature, wie ideologische Vorgaben den Veröffentlichungsprozess und damit den Gang der Wissenschaft verzerren. In Anlehnung an John Stuart Mill erklärt er dann, warum das fatal ist: Zensur verhindert, dass wir Irrtum durch Erkenntnis ersetzen und unsere wahren Überzeugungen und Theorien durch kontroverse Diskussionen immer weiter schärfen, besser verstehen und sichern.
Der Historiker Niall Ferguson nimmt die skandalösen antisemitischen Vorfälle ab Oktober 2023 in Harvard und deren Aufarbeitung im Kongress der USA zum Anlass, eine warnende Parallele zum Fall der seinerzeit weltweit führenden Universitäten in Deutschland unter den Wahn des Nationalsozialismus zu entwickeln: Wissenschaft und ihre Werte brauchen entschlossene Verteidiger gegen Ideologien und Esoterik von Links und Rechts.
Jerry Coyne und Luana S. Maroja schildern anhand sechs konkreter Beispiele die woken Versuche die Biologie zu ideologisieren, Forschung einzuschränken, Ergebnisse zu diskreditieren. Sie kommentieren auch den Versuch, indigene Formen des Wissens und der Weltsicht (inklusive deren religiösen Fundamentes) den Naturwissenschaften erkenntnistheoretisch gleichzustellen und damit letztere als lediglich eine Sicht von vielen gleichermaßen aussagekräftigen auf unsere Welt zu trivialisieren.[3]
Der Angriff auf die Wissenschaft und ihre Werte wurde im angelsächsischen Universitätsbetrieb in Form von ausufernden DEI-Abteilungen konsequent institutionalisiert, bürokratisiert und im Alltag verankert. Mit den grotesken Auswüchsen und Besonderheiten dieser Kontroll- und Zensurbürokratie setzen sich die Professoren Geoff Horsman (Chemie und Biochemie), Alessandro Strumia (Physik – seine kafkaesken Erlebnisse spielen am CERN!), Roger Cohen (Medizin) und Amy Wax (Rechtswissenschaften) auseinander. Ich bin sicher, dass nicht nur ich bei der Lektüre ihrer Analysen an Orwells 1984 denken muss und gebe zu, dass ich als Philosoph und Logiker mit der Vorgabe überfordert wäre, die mathematische Logik oder Mengentheorie zu de- oder entkolonialisieren.
Einer der zentralen Brennpunkte des Woke-Phänomens ist die Genderdebatte. Die Soziologin Sullivan, die Erziehungswissenschaftlerin Suissa und die Philosophen Byrne und Gorin zeigen und belegen in ihren Beiträgen sehr anschaulich und detailliert, wie fahrlässig einseitig, oberflächlich, ideologisch verzerrt und im Grunde verantwortungslos die akademische Diskussion zum affirmativen Behandlungsmodell für Trans-Kinder und -Jugendliche in weiten Teilen läuft. Kritische Argumente und Daten wurden unterdrückt bzw. einfach ignoriert, schlechte Studien immer und immer wieder als „Beweise“ angeführt, fundamentale Rationalitäts- und Moralstandards einfach missachtet und seriöse Kritiker als „transphob“ diffamiert. Zum Glück wurde dieses affirmative Modell von vielen Regierungen mittlerweile verboten oder stark eingeschränkt – leider viel zu spät.[4]

Fazit und Einordnung
Wir haben gute Gründe, dieses Buch sehr ernst zu nehmen. Wissenschaftler wie Dawkins, Krauss, Coyne, Fergusson, Strumia oder Byrne sind Schwergewichte ihres Faches, keine nach Aufmerksamkeit heischenden Randfiguren. Die Autoren des Buches sind weder „rechte Kulturkrieger“ noch MAGA-Aktivisten, sondern schlicht und einfach um die Wissenschaft und deren Entwicklungsgang zu Recht besorgte Hochschullehrer, Experten – und Bürger. Ich nehme an, sie werden sich auch zu Trumps universitätspolitischen Vorhaben laut und kritisch zu Wort melden; Steven Pinker und andere haben das schon getan, auch Krauss geht als Herausgeber darauf ein.
Besonders besorgniserregend war für mich während der letzten Jahre, wie viele aus unserem säkularen und religionskritischen Lager auf den woken Unfug hereingefallen sind. Sie haben plötzlich Aussagen und Thesen verteidigt und verbreitet, die sie noch hart kritisiert haben, als sie im religiösen Gewand daherkamen. Sie haben versucht, renommierte Atheisten wie Dawkins und Coyne zu diffamieren und zu zensieren. Sie haben mit Vehemenz für Thesen gestritten, die mit der Evolutionstheorie unvereinbar sind und sämtliche Rationalitätsstandards von einem Tag auf den anderen schwungvoll über Bord gekippt. Ganz zu schweigen von Anstand und intellektueller Redlichkeit. Wir brauchen dringend eine Debatte, wie das passieren konnte und welche Lehren wir daraus ziehen müssen.
Schließlich führt dieses Buch uns klar und deutlich vor Augen, was von woker Seite immer wieder bestritten wird: Wir haben es tatsächlich mit einem strategisch angelegten, systematischen und sehr gefährlichen Angriff auf die Wissenschaft und ihre Institutionen zu tun. Es geht eben nicht nur um ein paar harmlose Einzelfälle politisch eigentlich gut gemeinten Übereifers, um typisch studentischen und jugendlichen Überschwang, um harmlose Stilblüten einer traditionell eher linken Universitätskultur oder um Wehleidigkeiten konservativer Randfiguren, die nicht mit Kritik umgehen können. Es geht im Kampf gegen das Woke-Phänomen tatsächlich um das Fundament unserer Zivilisation und Gesellschaftsordnung: Das Menschheitsprojekt der Aufklärung.
Ich bedanke mich bei Lawrence Krauss und den Autoren für ihren Einsatz und ihre Zivilcourage und bei der Richard Dawkins Foundation dafür, dass sie von Anfang an ein verlässlicher und unerschütterlicher rationaler Felsen in der Brandung woken Irrwitzes war.
Der US-amerikanische emeritierte Biologie-Professor Jerry Coyne hat auf seinem Blog Why Evolution Is True verschiedene Reaktionen zum Buch The War on Science dokumentiert und kommentiert. Immer wieder begegnet er dabei einer fast gebetsmühlenartig wiederholten Kritik: „Trump/MAGA/Die Republikaner sind doch viel schlimmer! Mit denen hättet ihr euch beschäftigen sollen!“
Coyne antwortet darauf mit bemerkenswerter Geduld und Präzision. Er weist darauf hin, dass diese Einwände am Kern vorbeigehen: Das Buch wurde 2023/2024 zusammengestellt, also in einer Phase, in der Trump zwar lautstark agierte, aber noch nicht erneut im Zentrum politischer Macht stand. Zeitgleich befand sich der intersektionale und identitätspolitische Aktivismus an US-amerikanischen Hochschulen auf einem Höhepunkt, der in vielen Debatten als nahezu unaufhaltsamer Siegeszug erschien. Genau diesen Kontext will das Buch abbilden.
Für Humanist:innen und Skeptiker:innen ist Coynes Hinweis entscheidend: Wissenschaftskritik darf nicht selektiv sein. Wer nur die Gefahren von rechts betont, aber die antiaufklärerischen Strömungen innerhalb progressiver Bewegungen ignoriert, läuft Gefahr, selbst ideologisch zu selektieren. Humanismus bedeutet jedoch, Wahrheitssuche und kritisches Denken gegen jede Form von Dogmatismus zu verteidigen – unabhängig davon, ob dieser von religiös-konservativen oder von identitätspolitisch-progressiven Milieus ausgeht.
Coynes Auseinandersetzung zeigt, wie wichtig es ist, Kritik in den Kontext ihrer Entstehungszeit einzuordnen, anstatt sie vorschnell mit aktuellen politischen Entwicklungen zu vermischen. Er schreibt wie folgt:
Lawrence Krauss interviewt Carole Hooven
Dies ist eines der rund zwanzig Interviews, die Lawrence Krauss zur Unterstützung seines neuen Buches „ The War on Science“ geführt hat . Das Buch enthält Essays über die ideologische Verseuchung der Wissenschaft. (Fast alle von uns klagen Ideologien von links an, obwohl viele von uns, mich eingeschlossen, zugeben, dass die Rechte derzeit eine größere Bedrohung für die Wissenschaft darstellt – aber vielleicht nur vorübergehend.) Wie Sie wissen, bin ich kein Fan von Podcasts und langen Videos, aber ich versuche, so vielen meiner Co-Autoren wie möglich zuzuhören (Luana Maroja und ich haben einen Essay in dem Band verfasst, aber kein Interview geführt).
Hier ist ein Interview mit Carole Hooven , die Sie sicherlich als Evolutionsbiologin kennen, die auf Testosteron und die evolutionären Grundlagen der Geschlechtsunterschiede spezialisiert ist. (Ihr Buch „T: The Story of Testosterone, the Hormone that Dominates and Divides Us“ ist ausgezeichnet.) Als sie in Harvard lehrte, beging sie den Fehler zu sagen, es gäbe nur zwei Geschlechter, und diese Aussage artete in einen riesigen Streit aus. Hoovens Kollegen in der menschlichen Evolutionsbiologie unterstützten sie nicht dabei, die biologischen Fakten über das biologische Geschlecht zu betonen, denn das ist ein Minenfeld, das diejenigen, die es betreten, als „Transphobiker“ dämonisiert. Wie Carole in ihrem Artikel „ Warum ich Harvard verlassen habe “ in der Free Press erzählt , bekam sie Ärger, nur weil sie die Wahrheit sagte. Wenn Sie Carole kennen, wissen Sie, dass sie überaus zivilisiert und höflich ist. Sie war nur ideologisch nicht korrekt. Hier ist ein Auszug aus dem FP-Artikel, den sie als Essay in The War on Science nachgedruckt hat .
In the brief segment on Fox, my troubles began when I described how biologists define male and female, and argued that these are invaluable terms that science educators in particular should not relinquish in response to pressure from ideologues. I emphasized that “understanding the facts about biology doesn’t prevent us from treating people with respect.” We can, I said, “respect their gender identities and use their preferred pronouns.”
I also mentioned that educators are increasingly self-censoring, for fear that using the “wrong” language can result in being shunned or even fired.
Das Versäumnis ihrer Kollegen, sie für ihre Wahrheitsfindung zu verteidigen, ist verwerflich. Der Druck zwang sie schließlich, ihre Abteilung zu verlassen. Den Rest kann man in diesem Video hören (das Interview beginnt bei 4:04). Es geht um viel mehr als nur die Geschichte der Harvard-Absage: Carole hatte ein interessantes Leben, angefangen als Primatologin in Afrika, und auch darüber erfährt man etwas. Hört rein.
Fußnoten
[1] Die Parallele zum Phänomen der Religion arbeitet John McWhorter sehr anschaulich in diesem Buch heraus: Woke Racism: How a New Religion Has Betrayed Black America. (Portfolio/Penguin, 2021).
[2] Ein Auszug von Richard Dawkins‘ Beitrag in deutscher Übersetzung: Warum Männer sich von Frauen unterscheiden
[3] Siehe hierzu auch Dr. Andreas Edmüller – Das Woke-Phänomen (Januar 2024) und Jerry A. Coyne und Luana S. Maroja: Die ideologische Unterwanderung der Biologie
[4] Siehe hierzu auch Der Trans-Komplex (Interview mit Till Randolf Amelung)
Interviews mit auswählten Autoren des Buches. Den Anfang machte Richard Dawkins: Der Krieg gegen die Wissenschaft.
The War on Science: Richard Dawkins, Steven Pinker, and Other Renowed Scientists and Scholars Speak Out About Current Threats to Free Speech, Open Inquiry and the Scientific Process
(Swif Press, Forum, 25. September 2025)

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