Ein Ziel, verschiedene Wege…
Clemens Lintschinger beschreibt auf seinem Blog Über meine juristischen Schritte gegen die Diskriminierung der Konfessionsfreien im ORF sehr ausführlich seine rechtlichen Auseinandersetzungen mit dem ORF-System und die dabei erlittenen Niederlagen.
Ich glaube allerdings, dass genau dort das Problem liegt, in der Vorstellung, man könne ein historisch gewachsenes Macht- und Privilegiensystem wie die religiöse Sonderstellung im ORF primär mit juristischen Mitteln aufbrechen.
Das greift aus meiner Sicht zu kurz. Unsere Schritte waren daher bewusst nicht primär juristisch ausgerichtet, wir haben versucht, dort anzusetzen, wo reale Machtverhältnisse unserer Meinung nach tatsächlich beeinflusst werden:
- durch Präsenz,
- durch Lobbyarbeit,
- durch Gespräche,
- durch Kontakte in Gremien,
- bei Datenschützern,
- im Parlament,
- im politischen und medialen Umfeld allgemein.
Denn solche Systeme verändern sich selten deshalb, weil ein Gericht plötzlich erkennt, dass etwas unfair ist, sie verändern sich erst dann, wenn gesellschaftlicher und politischer Druck entsteht.
Das Interessante ist dabei:
Lintschinger ist Jurist. Vermutlich weiß er selbst ziemlich genau, warum er mit seinen Verfahren immer wieder scheitert.
Er kennt das österreichische System und weiß, wie stark Kirchen und Religion hier historisch abgesichert sind — besonders im ORF und im öffentlichen Bereich allgemein.
Sein Fehler oder seine Absicht liegt daher wahrscheinlich nicht darin, dass er die Rechtslage nicht versteht, sondern eher strategisch.
Lintschinger führt den Kampf vor allem juristisch:
- Beschwerden,
- Verfahren,
- Gleichheitsargumente,
- Diskriminierungsvorwürfe,
- Verfassungsfragen.
Das ist logisch aufgebaut und juristisch sauber.
Aber Österreich funktioniert bei Religion nicht rein nach Logik.
Das System schützt historische Kirchenprivilegien ziemlich konsequent. Nicht weil alles völlig logisch oder fair wäre, sondern weil diese Strukturen politisch und kulturell tief eingebaut sind.
Gerichte greifen solche Dinge meist nur sehr vorsichtig an. Und das müsste Lintschinger eigentlich wissen.
Darum wirkt seine Strategie teilweise widersprüchlich:
Er argumentiert oft so, als müsste das System bei genauer juristischer Prüfung eigentlich zusammenbrechen.
Tut es aber nicht.
Denn Gerichte verändern gesellschaftliche Machtverhältnisse nur selten von selbst.
Vor allem dann nicht, wenn:
Kirchen historisch verankert sind,
Politik keinen Änderungswillen hat,
und gesellschaftlicher Druck fehlt.
Genau das ist das Problem: Die Konfessionsfreien sind zwar zahlenmäßig viele, aber politisch nicht organisiert.
Die Kirchen dagegen haben:
- Netzwerke,
- Einfluss,
- Kontakte,
- Institutionen,
- jahrzehntelange Präsenz im Staat.
Lintschinger versucht daher im Grunde, mit juristischen Mitteln ein politisches Machtproblem zu lösen.
Das funktioniert selten.
Vielleicht sieht er seine Verfahren auch gar nicht als echte Gewinnfälle, sondern eher als langfristige politische Signale:
- Öffentlichkeit schaffen,
- Widersprüche sichtbar machen,
- Druck erzeugen,
- dokumentieren,
- langfristig Debatten verschieben.
Das wäre zumindest realistischer.
Denn große gesellschaftliche Veränderungen beginnen oft mit vielen Niederlagen.
Aber dann muss man ehrlich sagen:
Das Ziel ist nicht der schnelle Gerichtssieg.
Das Ziel ist, langsam das gesellschaftliche Klima zu verändern.
Am Ende müssen wir uns vermutlich einer unbequemen Realität stellen:
Clemens Lintschinger muss Niederlagen verbuchen.
Wir alle müssen Niederlagen verbuchen.
Juristische Niederlagen.
Politische Niederlagen.
Gesellschaftliche Rückschläge.
Denn wer in Österreich an den religiösen Sonderstellungen rüttelt, legt sich nicht mit einem einzelnen Gesetz an, sondern mit jahrzehntealten Machtstrukturen, das ist mühsam, langsam und oft frustrierend.
Aber trotzdem gibt es etwas Verbindendes: Uns eint ein gemeinsames Ziel.
Dieses Ziel wollen die Konfessionsfreien.
Dieses Ziel wollen die Säkularen.
Dieses Ziel wollen Humanist:innen.
Nämlich einen Staat,
- der Menschen nicht nach Religion bevorzugt,
- der weltanschaulich neutral bleibt,
- der niemanden ausschließt,
- und der öffentliche Institutionen nicht als Verlängerung historischer Kirchenprivilegien versteht.
Es geht dabei nicht um Feindschaft gegenüber religiösen Menschen, es geht um Gleichbehandlung, um Fairness, und um einen modernen demokratischen Staat. Und um Aufklärung, Benennung der ungeheuren und stetig wachsendenAusgaben durch das Konkordat an die Kirchen, um Visualisierung der Lasten, die Konfessionsfreie aufbringen, um die Kirchen zu finanzieren.
Und genau deshalb darf man Niederlagen nicht mit Bedeutungslosigkeit verwechseln. Gesellschaftliche Veränderungen entstehen selten geradlinig. Sie entstehen durch dauernden Druck, durch Beharrlichkeit und durch Menschen, die Widersprüche sichtbar machen — selbst dann, wenn sie zunächst verlieren.
Vielleicht werden manche heutigen Forderungen erst in zehn oder zwanzig Jahren selbstverständlich wirken. Aber irgendjemand muss ja beginnen, sie auszusprechen.
Und vielleicht ziehen irgendwann die benannten demokratischen Stakeholder einmal an einem Strang. Ich gebe die Hoffnung nicht auf.

Nachtrag, und was vielleicht zu kurz gekommen ist:
Der eigentliche Skandal ist nicht nur die fehlende Vertretung der Konfessionsfreien im ORF. Der eigentliche Skandal ist, dass Religion im ORF automatisch als gesellschaftlich relevante Stimme gilt — Konfessionsfreiheit aber offenbar nicht. Kirchen bekommen Strukturen, Sendeplätze, Gremiennähe und institutionelle Selbstverständlichkeit. 33,5 % Konfessionsfreie dagegen werden behandelt wie ein statistischer Restposten ohne kulturelle Bedeutung.
Das Problem ist also größer als ein einzelner Sitz im Publikumsrat.
Es geht um eine öffentlich-rechtliche Struktur, die noch immer so funktioniert, als wäre Österreich religiös homogen und Kirchen die natürlichen Sprecher moralischer Fragen. Der ORF präsentiert sich als modern und pluralistisch — konserviert aber im Weltanschauungsbereich teilweise noch die Denkweise der Zweiten Republik der 1960er Jahre.
Und genau deshalb reicht reine Juristerei nicht aus. Denn hier geht es nicht nur um Recht. Hier geht es um Macht, kulturelle Gewohnheit und institutionelle Selbstverständlichkeit.
Nein, „reine Juristerei“ reicht nicht aus.
Das hat Clemens Lintschinger aber auch nicht behauptet.
Juristische Vorgehensweisen gegen wahrgenommenes Unrecht dienen dazu, einen rechtmäßigen Zustand herzustellen oder einem solchen näher zu kommen. Wenn es nicht funktioniert, muss die andere Seite immer noch erklären, warum der aktuelle Zustand doch in Ordnung sein soll, oder die Politik muss erklären, wieso sie ein Gesetz in Richtung Unrecht „repariert“, um den Zustand aufrechtzuerhalten.
Juristische Vorgehensweisen haben einen weiteren Vorteil: Man muss auf sie reagieren. Wir haben in den säkular-humanistischen-konfessionsfreien Szene in Österreich die gemeinsame Erfahrung, dass Medien, Behörden, Politik als System und Politiker:innen als Einzelpersonen das konfessionsfreie Drittel der Bevölkerung einfach ignorieren. Das geht bei einem Vertragsverletzungsverfahren nicht. Das steht in den Medien. Dann muss man – unbequemerweise – Rede und Antwort stehen, warum es genau so sein muss, dass 2,6 % der Bevölkerung einen gesetzlich garantierten Vertreter in den Publikumsrat entsenden können und 33,5 % nicht. Warum als einzige weltanschauliche Kategorie „Religionsgesellschaften“ im Gesetz stehen. Warum die Vorgabe, Religionen nach ihrer gesellschaftlichen Bedeutung zu behandeln nicht dazu führt, dass auf jeden evangelischen Gottesdienst im ORF zwei orthodoxe und drei bis vier muslimische entfallen.
Clemens Lintschinger hat nicht behauptet, mit der Vorgehensweise alle Probleme für immer zu lösen. Er benennt ein Problem und stellt dar, welche Versuche es bereits für seine Lösung gab und was jetzt versucht wird. Das heißt nicht, dass der Versuch der Lösung „zu kurz greift“. Das heißt, dass etwas getan wird, was bisher nicht probiert wurde. Dies kann zu einer Verbesserung führen. Dies kann zu einer besseren Wahrnehmung konfessionsfreier Interessen führen. Dies kann den Zentralrat der Konfessionsfreien als Gesprächspartner von Medien und Politik etablieren.
Balász, wir schreiben aneinander vorbei.
Ich habe nie behauptet, dass juristische Schritte sinnlos wären oder nichts bringen. Im Gegenteil: Ich sehe durchaus, warum dieser Weg wichtig sein kann.
Gerade Konfessionsfreie erleben oft, dass ihre Anliegen von Politik, Medien und Institutionen einfach ignoriert werden. Juristische Verfahren können diesen Zustand aufbrechen:
* sie erzeugen Öffentlichkeit,
* sie erzwingen Reaktionen,
* sie machen Widersprüche sichtbar,
* sie schaffen Rechtfertigungsdruck.
Wenn plötzlich erklärt werden muss,
* warum 2,6 % der Bevölkerung garantierte Vertretung erhalten,
* aber 33,5 % nicht,
* warum „Religionsgesellschaften“ ausdrücklich im Gesetz stehen,
* säkulare Weltanschauungen aber nicht,
dann entsteht Aufmerksamkeit. Und das ist wichtig.
Genau deshalb wirkt dein Kommentar auf mich unfair, denn ich habe Clemens weder lächerlich gemacht noch behauptet, seine Schritte wären sinnlos oder dumm.
Im Gegenteil:
Ich habe ausdrücklich anerkannt, dass er ein reales Problem anspricht und dass Niederlagen trotzdem Teil gesellschaftlicher Veränderung sein können.
Ich habe sogar betont, dass uns letztlich ein gemeinsames Ziel verbindet:
* die Konfessionsfreien,
* die Säkularen,
* die Humanist:innen.
Wir sitzen letztlich im selben Boot.
Meine Kritik war daher keine Totalabsage, sondern eine strategische Ergänzung.
Der Unterschied zwischen Clemens und mir liegt beim Thema Hebelwirkung.
Clemens sieht den Hebel stark in den juristischen Verfahren selbst. Ich sehe den Hebel nicht im Verfahren, sondern in dem politischen und gesellschaftlichen Druck, den man unabhängig von juristischen Verfahren bereits im Vorfeld aufbauen muss.
Denn ohne diesen Druck bleiben Verfahren oft bloß Aktenzahlen.
Kirchenprivilegien wurden nicht im Gerichtssaal aufgebaut.
Sie wurden über Jahrzehnte politisch, gesellschaftlich und institutionell abgesichert:
* durch Präsenz,
* durch Netzwerke,
* durch Lobbyarbeit,
* durch Ansprechpartner in Politik und Medien,
* durch institutionelle Verankerung,
* durch dauernde gesellschaftliche Selbstverständlichkeit.
Genau dort sehe ich den entscheidenden Hebel.
Deshalb halte ich es für wichtig,
* in NGOs aktiv zu sein,
* Lobbyverbände aufzubauen,
* in Gremien präsent zu sein,
* Kontakte in Politik und Medien zu pflegen,
* langfristig gesellschaftliche Wahrnehmung zu verändern.
Erst wenn Konfessionsfreie als organisierte gesellschaftliche Kraft wahrgenommen werden, entsteht jener Druck, der langfristig auch institutionelle Veränderungen möglich macht.
Juristische Verfahren können dabei ein Werkzeug sein, aber ohne gesellschaftlichen Unterbau bleiben sie aus meiner Sicht oft symbolisch.
Und genau deshalb widersprechen sich unsere Ansätze aus meiner Sicht weniger, als du vielleicht annimmst.
Lieber Andreas,
ich denke auch, dass wir entlang der selben Linien argumentieren.
Ich wollte nur herausheben, dass all die notwendige gesellschaftliche Diskussion, das Anführen der Argumente für und wider nur in einer richtig funktionierenden Gesellschaft (Politik, Medien, Öffentlichkeit) klappen. Derzeit in Österreich schreiben wir uns aber nur gegenseitig Mitteilungen in Blogs.
Der Vorteil des juristischen Vorgehens ist, dass die Zuständigen plötzlich zuhören *müssen*. Sie werden in die Diskussion hineingezogen, ob sie wollen oder nicht. (Sie wollen bisher nicht.) Das macht die Sache dann auch für die Medien interessant und führt zur gewünschten Öffentlichkeit. Nebenbei gibt es auch noch die Chance, eine konkrete Sache zu verbessern, eine Ungerechtigkeit abzustellen. Auch nicht übel.
Die Österreichische Gesellschaft für ein Humanes Lebensende hat genau das erreicht, als sie mit gut ausgesuchten, gut begründeten Fällen und dem notwendigen langen Atem zweimal ihre Position, die in Medien und öffentlichen Diskussionen bis dahin nicht groß beachtet wurde, bis zum Verfassungsgerichtshof getragen hat.
Der Zentralrat der Konfessionsfreien spricht mit konstruktiven Organisationen aus der ganzen Gesellschaft, um die Bewegung auf eine breitere Basis zu stellen.