Mit – aber nur light :-)

Viel Soziologie, wenig Mystik: deutsche Kirche Quelle: Getty/mrs

Die Kirche hat Angst vor Gott – sollen wir jetzt Mitleid haben? Oder Mit-light?

Die Kirchen haben ein neues Problem, und ausgerechnet ein Theologe hat es beim Namen genannt, oder besser gesagt: beim Schweigen. In der Welt erklärt Rolf Schieder, emeritierter Professor für Praktische Theologie an der Humboldt-Universität Berlin, warum die Kirchen unter akuter Theophobie leiden, also unter der Angst, überhaupt noch von Gott zu sprechen.

Ja, richtig gelesen: Die Institutionen, die einst Himmel und Hölle beschworen, reden lieber über Nachhaltigkeit und psychologische Resilienz als über das, was sie eigentlich mal gegründet hat.

Für humanistische Beobachter:innen, die das Verhältnis von Religion, Gesellschaft und öffentlichem Diskurs mit einem gewissen Stirnrunzeln verfolgen, ist dieser Befund durchaus bemerkenswert und auch ein bisschen amüsant. Wenn die Kirchen sich jetzt selbst säkularisieren, bleibt für uns eigentlich nur noch die Frage:

Braucht man Religion überhaupt noch, wenn sie selbst nicht mehr weiß, wofür sie steht?

Ein Kommentar aus der säkularen Seitenlinie – mit einem Augenzwinkern, aber auch dem Gefühl: Haben wir ja immer schon gesagt…


Wenn Gott nicht mehr auf die Gästeliste kommt

Gott war früher Stammgast in den Kirchen, sogar VIP. Heute ist er scheinbar ausgeladen worden, wahrscheinlich weil er zu exklusiv auftritt und keinen Genderdoppelpunkt benutzt. Laut Rolf Schieder leiden viele kirchliche Akteure an Theophobie. Nicht zu verwechseln mit Theologie, denn die kommt in der Liturgie offenbar nur noch als historisches Zitat vor. Stattdessen wird über Diversität, Energiesparen und seelische Balance gesprochen. Alles wichtig. Aber wenn selbst in der Kirche keiner mehr Gott erwähnen will, wird es selbst für Agnostiker seltsam still.

Das Evangelium des Schweigens

Die klassische Predigt ist heute ein Ort sanfter Worte. Wer Gott zu direkt erwähnt, riskiert Irritation, oder noch schlimmer: Engagement. Denn was, wenn jemand anfängt, das ernst zu nehmen? Also lieber vorsichtig drum herum reden. Spirituell light, bitte ohne Transzendenz. Gott als Konzept, als Gefühl, als vager Möglichkeitsraum. Was früher das Herzstück war, ist nun bestenfalls Dekoration. In säkularen Kreisen nennt man das kognitive Dissonanz, in der Kirche offenbar pastorale Sen(sib)ilität.

Die spirituelle Selbstverzwergung

Die Kirchen haben es geschafft, das Christentum zu einem moderaten Ethikkurs umzubauen. Natürlich mit Kaffee und Fairtrade-Keksen. Aber ohne dogmatische Zumutungen. Kein Jüngstes Gericht, keine Wunder, kein Reden vom Zorn oder gar der Liebe Gottes. Denn man könnte ja jemandem auf die Füße treten, und das ist in Zeiten spiritueller Konsensbildung schlimmer als jeder theologische Irrtum. Gott darf vielleicht noch auftauchen, wenn er in ein Klimaschutzkonzept passt oder mit sozialarbeiterischem Vokabular kompatibel ist.

Die unbequeme Wahrheit: Gott ist kein Konsensprodukt

Schieder erinnert daran, dass Religion ursprünglich etwas mit Transzendenz, mit Überzeugung, vielleicht sogar mit Wahrheit zu tun hatte. Doch in der PR-Schleife moderner Kirchen ist davon wenig übrig. Gott ist zu einem peinlichen Verwandten geworden, über den man lieber nicht spricht. Man möchte als Kirche progressiv, anschlussfähig, modern wirken, da passt ein ewiger Schöpfer mit Hang zur Allmacht schlecht ins Bild. Man könnte fast glauben, man schäme sich.

Theologie ohne Gott – ein Exportschlager

Die Ironie dabei: Während die Kirchen in Deutschland und Österreich bemüht sind, Gott möglichst geräuschlos abzuwickeln, erleben spirituelle Ersatzangebote Hochkonjunktur. Achtsamkeit, Mondzyklen und Astrologie boomen, weil sie keine dogmatischen Zumutungen machen. Vielleicht wäre es für die Kirchen effizienter, künftig über Chakren statt über Sakramente zu sprechen. Das würde besser zum Zeitgeist passen und niemand müsste sich mehr mit den Zumutungen des Glaubens auseinandersetzen. Meinem Wurzelchakra wird ganz unrund bei der Vorstellung.

Was hätten wir denn da heute im Angebot?

  • Achtsamkeit und Meditation
    Säkularisierte Spiritualität in Yoga-Hosen. Statt Gebet: Atemtechniken. Statt Liturgie: Körperwahrnehmung. Sinnsuche im Modus der Selbstzentrierung.
  • Esoterik und Energiearbeit
    Kristalle, Aura-Reinigung, Chakren, Mondzyklen und Rückführungen in frühere Leben. Göttlich ja – aber bitte ohne Theologie.
  • Naturspiritualität
    Wald statt Kirche, Sommersonnenwende statt Pfingsten. Göttin Gaia hat Konjunktur – in barfußfreundlichem Ambiente.
  • Coaching und Selbsthilfe-Retreats
    Selbstverwirklichung mit Wohlfühl-Überbau. Früher nannte man es Seelsorge, heute heißt es Inner Leadership oder Purpose Journey.
  • Digitale Glaubens-Startups
    Apps für Gebet, Tarot, Dankbarkeitstagebuch und KI-Orakel. Der Algorithmus kennt deine Seele besser als der Pfarrer.
  • Astrologie, Tarot und Horoskope
    Was früher Ketzerei war, ist heute Lifestyle. Der Merkur ist rückläufig? Kein Wunder, dass du dich leer fühlst.
  • New-Age-Synkretismus
    Ein bisschen Zen, ein bisschen Engel, ein bisschen indigen. Hauptsache bunt und bedeutungsschwanger.
  • Sinnmärkte und Life-Design-Philosophien
    Von Viktor Frankl bis Jordan Peterson: Sinn als Lifestyle-Produkt. Auch erhältlich in TED-Talks und Podcast-Serien.
  • Selbstvergötterung
    Der moderne Klassiker: Du bist dein eigener Gott. Mit Instagram-Bestätigung, 20.000 TikTok Followern und eigenem Telegram-Chat.

Ein Vorschlag zur Güte – mit Gott, aber dosiert

Vielleicht muss Gott gar nicht donnern. Vielleicht reicht es, ihn überhaupt mal wieder zu erwähnen. Eine Predigt, in der das Wort Gott nicht als Fremdkörper wirkt, wäre schon ein Fortschritt. Man muss ja nicht gleich wieder mit ewiger Verdammnis drohen, aber ein bisschen metaphysisches Rückgrat hätte was. Die Kirchen könnten ruhig mal wieder daran erinnern, dass sie nicht als Sozialvereine gegründet wurden, sondern als Orte, an denen Menschen über das Absolute nachdenken.

Fazit: Lieber ein zorniger Gott als gar keiner

Wenn Kirchen Gott meiden, weil sie Angst vor Missverständnissen haben, dann verwechseln sie Öffentlichkeitsarbeit mit Selbstverleugnung. Rolf Schieders Diagnose ist mutig, aber nötig. Denn eine Kirche ohne Gott ist wie ein Theater ohne Stück. Die Theophobie ist kein intellektuelles Problem, sondern ein Identitätsverlust.

Und das macht sie auch für uns Humanist:innen interessant: Wir brauchen keine Kirchen, die von Gott reden, aber es wäre schön, wenn sie wenigstens wüssten, warum sie es nicht mehr tun.


Originalartikel in der Welt (Paywall):
Rolf Schieder über Säkularisierung: In den Kirchen herrscht Theophobie – sie haben Angst, überhaupt noch von Gott zu sprechen
https://www.welt.de/kultur/plus256181626/rolf-schieder-ueber-saekularisierung-in-den-kirchen-herrscht-theophobie-sie-haben-angst-ueberhaupt-noch-von-gott-zu-sprechen.html

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