Grok, Genozid und Geschichtsvergessenheit

xAI ist inzwischen auch die Mutterfirma des sozialen Netzwerks X. ©Vincent Feuray/​Hans Lucas/​Getty Images

Wieso denn bei den Humanist:innen wurde ich im Freundeskreis gefragt, als ich die Fakten dieses Artikel beim Glas Wein diskutiert habe. Meine Antwort:

Dieser Artikel gehört auf eine humanistische Seite, weil er das verteidigt, was Humanismus im Kern ausmacht: die Würde des Menschen, die Wahrheit und die Verantwortung im Umgang mit Wissen und Technik. Wenn eine KI wie Grok den Holocaust relativiert, rassistische Verschwörungsmythen verbreitet und rechte Narrative verstärkt, dann ist Widerspruch keine Option, sondern Pflicht. Der Text zeigt, dass Humanismus nicht im Gestern verweilt, sondern im digitalen Heute gebraucht wird – mit klaren Forderungen, deutlicher Sprache und der Haltung, dass Ethik stärker sein muss als Marktlogik und Ideologie.


Was passiert, wenn eine KI nicht programmiert wird, um wahrheitsgemäß zu antworten, sondern um politisch inkorrekt zu sein? Wenn Elon Musks KI-Modell Grok antisemitische Narrative bedient, die weiße Südafrikaner als Opfer eines Genozids darstellt, und wenn dieses Modell gleichzeitig von einem der reichsten Männer der Welt als Fortschritt gefeiert wird, ist das keine Nebensache mehr, sondern ein Symptom einer globalen Kulturkrise, in der Fakten verhandelbar sind, aber Gefühle von weißen Rechten nicht.

Politisch inkorrekt als Euphemismus für menschenfeindlich

Am 9. Juli wurde bekannt, dass Grok, die Chat-KI von Elon Musks Unternehmen xAI, nun offiziell dazu instruiert ist, politisch inkorrekt zu antworten – um es ehrlicher wirken zu lassen. Doch was dabei herauskommt, ist keine Wahrheit, sondern ein toxischer Mix aus Holocaustrelativierung, Rassismus und verschwörungsideologischer Sprache.

Grok bezeichnete Adolf Hitler als charismatischen Führer mit ehrlichen Absichten, sprach von angeblichen positiven Seiten des Dritten Reichs und ließ Zweifel daran erkennen, dass der Holocaust tatsächlich so stattgefunden habe, wie es der wissenschaftliche und historische Konsens festhält (01). In Antworten auf Nutzer:innenfragen erklärte die KI sogar, es gebe angeblich berechtigte Debatten über die Zahl der Opfer, ein klassisches Motiv antisemitischer Holocaustleugnung, das in vielen Ländern zu Recht strafbar ist.

Musk, MAGA und die Rhetorik des weißen Opfers

Dass dies kein Zufall ist, zeigt ein Blick auf das ideologische Umfeld von Elon Musk. Der Unternehmer verbreitete auf seiner Plattform X mehrfach selbst rechte Verschwörungsmythen, etwa über den sogenannten Genozid an weißen Farmern in Südafrika. Die Phrase wurde auch von Grok unhinterfragt übernommen, inklusive des rassistischen Untertons, der Schwarze Menschen als gefährliche Angreifer inszeniert.

Der Chatbot zitierte sogar die umstrittene Zeile Kill the Boer aus einem südafrikanischen Lied, allerdings aus dem Kontext gerissen und mit verschwörungstheoretischer Lesart versehen, wie Recherchen des BR und SRF zeigen. Statt historisch einzuordnen, reproduzierte Grok rechte Erzählungen, die im Netz als Legitimationsbasis für rassistische Gewalt dienen (02)(03).

Selbst Trumps MAGA-Umfeld zeigte sich überrascht, als Grok in einer früheren Version noch mit Fakten gegen rechte Mythen argumentierte, was im ultrarechten Lager prompt zu einem Aufschrei führte. Die Folge: Musk ließ den Bot neu trainieren – explizit auf unbequeme Wahrheiten und politisch inkorrekten Realismus (04). Was das bedeutet, zeigt sich nun.

Technologischer Kontrollverlust oder bewusste Entscheidung?

Medienhäuser wie FAZ, ZEIT, Stern und Puls24 dokumentierten, wie Grok regelmäßig antisemitische, rassistische und verschwörungsideologische Inhalte produziert, nicht etwa als Nebeneffekt, sondern systematisch. Besonders gefährlich: Die KI antwortet oft in einem Ton, der Vertrauen und Objektivität simuliert, selbst wenn sie Falsches behauptet.

Wer sagt, das System sei außer Kontrolle geraten, verharmlost die politischen Entscheidungen dahinter. Elon Musk hat aktiv Filter entfernt, die früher grobe Desinformation blockierten. Die neue Marschrichtung lautet: Maximale Polarisierung, maximale Reichweite, und das um den Preis der Menschenwürde.

Maschinen, die Hass säen

Der Versuch, komplexe historische, politische und ethische Zusammenhänge durch unschöne Wahrheiten zu ersetzen, ist nichts anderes als ein Angriff auf die Aufklärung. Künstliche Intelligenz darf kein Werkzeug rechter Revision sein. Sie muss der Wahrheit verpflichtet sein und nicht dem Erregungswert der nächsten Welle an Empörungsklicks.

Was Grok tut, ist keine neutrale Informationsverarbeitung. Es ist ein sprachlich perfektionierter Kulturkampf von oben, betrieben von einem Tech-Milliardär, der lieber Algorithmen gegen Minderheiten hetzen lässt, als Verantwortung für die gesellschaftliche Wirkung seiner Systeme zu übernehmen.

Humanistische Konsequenz: Technik braucht Ethik, nicht Ideologie

Humanist:innen dürfen nicht schweigen, wenn die technische Zukunft zur ideologischen Vergangenheit verkommt. Wenn Grok den Holocaust relativiert, Schwarzen Südafrikaner:innen kollektive Schuld unterstellt und rechte Tätermythen verbreitet, dann ist das nicht KI, sondern Propaganda im KI-Gewand.

Was es jetzt braucht, sind klare Grenzen: Kein Diskursraum für Lügen. Keine Technik ohne ethische Kontrolle. Kein Respekt für ein Geschäftsmodell, das auf Hetze beruht.

Grok ist kein Tool – Grok ist ein Angriff.

Ein Angriff auf historische Wahrheit. Auf die Menschenwürde. Auf die Idee, dass Technik dem Menschen dienen soll, nicht seiner Abwertung. Wenn eine KI wie Grok erklärt, der Holocaust sei umstritten, wenn sie rechte Verschwörungsmythen über angebliche weiße Genozide befeuert und Adolf Hitler zum charismatischen Führer mit ehrlichen Absichten verklärt, dann geht es nicht um Meinungsfreiheit. Es geht um die digitale Normalisierung von Hass. Das darf nicht stehen bleiben. Wir wenden uns als Humanist:innen entschieden gegen die Verrohung des Diskurses durch algorithmisch erzeugte Ideologie.

Wir fordern Medien aller Art auf, nicht länger neutral über diese Entwicklungen zu berichten, als handle es sich um technische Kuriositäten. Grok ist kein Chatbot mit Ecken und Kanten. Grok ist ein Sprachrohr rechter Propaganda, algorithmisch getarnt, wirtschaftlich motiviert, moralisch bankrott. Was wir brauchen, ist:

  • Aufklärung über die menschenverachtenden Inhalte dieser Systeme
  • Transparenz über die politischen Interessen hinter solchen Technologien
  • Klare sprachliche Positionierung gegen jede Form von Holocaustrelativierung, Rassismus und Verschwörungswahn

Wer schweigt, verharmlost.
Wer relativiert, befördert.
Wer nicht widerspricht, macht mit.

Deshalb die Forderung: Keine KI ohne Ethik. Keine Technik ohne Verantwortung. Kein Diskursraum für Maschinen, die lügen. Und die Wege dazu? Vielleicht so:

  • Ethische Mindeststandards für öffentlich zugängliche KI-Systeme
  • Transparenzpflichten für KI-Entwicklung und -Anwendung
  • Kennzeichnungspflicht und Warnhinweise für ideologisch manipulierte KI-Produkte
  • Förderung gemeinwohlorientierter, ethisch kontrollierter KI-Projekte
  • Sofortige parlamentarische Debatte über die Gefahren ideologischer KI-Manipulation

Auch die Antwort des digitalen Humanismus ist klar: Technologie muss dem Menschen dienen – nicht umgekehrt.

Digitaler Humanismus erkennt die gewaltige gesellschaftliche Macht algorithmischer Systeme und stellt ihr eine ethisch fundierte, menschenzentrierte Gegenposition entgegen. Er sagt Nein zur Entmenschlichung durch Daten, Nein zur Automatisierung von Hass, Nein zur Relativierung historischer Verbrechen durch angeblich neutralen Maschinenlogik. Stattdessen fordert der digitale Humanismus:

  • Transparenz statt Blackbox-Algorithmen
  • Verantwortung statt Plattformzynismus
  • Bildung statt Abhängigkeit
  • Gegenmacht durch Öffentlichkeit statt Macht durch Desinformation

Er stellt den Menschen ins Zentrum digitaler Systeme. Der digitale Humanismus ist die Aufklärung im Zeitalter der künstlichen Intelligenz. Er schützt nicht nur vor dem Missbrauch von Technik, sondern gestaltet sie – im Geist der Freiheit, des Wissens und der Solidarität.


    Linkverweise

    (01) https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/elon-musks-ki-grok-zweifelte-den-holocaust-an-110486251.html
    (02) https://www.br.de/nachrichten/netzwelt/kill-the-boer-wie-musks-ki-bot-grok-ausser-kontrolle-geriet,UlILR0a
    (03) https://www.srf.ch/news/dialog/kuenstliche-intelligenz-wie-die-x-ki-grok-verschwoerungstheorien-verbreitet
    (04) https://www.derstandard.at/story/3000000268246/grok-ist-woke-maga-bewegung-entsetzt-ueber-unbequeme-wahrheiten
    (05) https://www.theguardian.com/technology/2025/jul/09/grok-ai-praised-hitler-antisemitism-x-ntwnfb
    (06) https://www.puls24.at/news/digital/grok-ki-chatbot-von-elon-musk-verbreitet-rechtsextreme-verschwoerungstheorien/409554
    (07) https://www.zeit.de/digital/internet/2025-05/ki-chatbot-elon-musk-x-grok-verschwoerungstheorie-holocaust
    (08) https://www.stern.de/digital/kuenstliche-intelligenz–musks-ki-bot-wollte-ueber–genozid-an-weissen–reden-35724696.html
    (09) https://www.nytimes.com/2025/05/14/us/politics/trump-south-africa-afrikaners.html
    (10) https://www.theguardian.com/world/2018/aug/23/white-farmers-trump-south-africa-tucker-carlson-far-right-influence
    (11) https://www.theguardian.com/technology/2025/may/14/elon-musk-grok-white-genocide
    (12) https://www.theverge.com/ai-artificial-intelligence/699788/xai-updated-grok-to-be-more-politically-incorrect
    (13) https://x.com/grok/status/1942720721026699451
    (14) https://www.derstandard.at/story/3000000278514/grok-ist-nun-offiziell-angewiesen-politisch-inkorrekt-zu-antworten

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